„La Bohème“ in Gelsenkirchen: Hier hat Liebe auf Dauer keine Chance – Rheinische Post


Gelsenkirchen · Giuliano Betta dirigierte, Sandra Wissmann inszenierte Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier.

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Szene aus der Gelsenkirchener Produktion von „La Bohème“.
Am Morgen nach der Party liegen die Harlekine, die das Volk im „Café Momus“ bespaßt hatten, wie tot vor dem Lokal. Weiß rieselt es vom nachtdunklen Himmel: Schnee, der auf Schnapsleichen fällt. Ganz ohne Plastikflocken kommt auch Sandra Wissmann nicht aus in ihrer Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“. Im Gelsenkirchener Musiktheater zeigt die Regisseurin, die einst an der Deutschen Oper am Rhein hospitierte, wie Armut das freie Künstlerleben aufzehrt.
Wegen der Weihnachtsfeier im zweiten Bild taucht Puccinis Welterfolg in vielen Opernhäusern im Dezember im Spielplan auf. Gelsenkirchen brachte ihn nun Anfang Februar heraus, weshalb das Treiben auf der Bühne wohl auch eine närrische Note bekommt. Zudem verlegt die Regie die Handlung von 1830 ins Paris der 1920er Jahre, vom Quartier Latin in den Bezirk Montmartre.
Romanvorlage „Scènes de la vie de bohème“ von Henri Murger.
Aufführungsdauer Zwei Stunden 30 Minuten, Pause nach dem 2. Bild
Vorstellung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.
Termine 9., 13., 21. Februar, 8. März, 12., 20. 27. April.
Karten www.musiktheater-im-revier.de
Von Ernest Hemingways literarischem Tagebuch „Paris – Ein Fest fürs Leben“ inspiriert, haben exzentrische Frauen wie Kiki de Montparnasse für die Kostüme Vorbild gestanden. Beata Kornatowska verleiht ihnen eine frech-frische Anmutung, spielt lustvoll mit Accessoires wie Federn, Stirnbändern, Ketten und Hüten. Die Ausstattung ist eher nüchtern. Britta Tönne hat einen Aufbau mit einer einsehbaren Dachwohnung auf die Drehbühne gesetzt. Hier scheint das Künstlerquartett zunächst über den Mühen der Ebene zu schweben, steigt dann aber hinab ins Straßentreiben, mischt sich unters feiernde Volk.
Sandra Wissmann erzählt geradlinig, zuweilen fast zu brav davon, wie die vier Lebenskünstler allmählich von den Härten des Lebens gebeutelt werden. Gesellschaftskritik übt sie nicht: Dass die Hauptfiguren Teil eines kreativen Prekariats sein könnten, kommt einem eher nicht in den Sinn. Dafür richtet die Regie einen klaren, liebevollen Blick auf die Paar-Konstellationen, die – aus unterschiedlichen Gründen – nicht funktionieren. Wissmann hat Sinn für die Tragik, dass Rodolfo/Mimi und Marcello/Musetta aller Liebe zum Trotz an einem dauerhaften Zusammenleben scheitern.
Das Musiktheater im Revier (MiR) stemmt diese Neuproduktion ohne Gäste. Vor allem die Mimi von Heejin Kim wird am Premierenabend gefeiert. Für die kleine Näherin mit dem großen Herzen findet sie schüchterne bis kokette Töne. Aber sie kann auch glutvolle Bögen ziehen, Verzweiflungsausbrüche flexibel und mit Wärme formen. Der Bariton von Simon Stricker (Marcello) klingt schön kernig, in Streitszenen auch grimmig, weiß aber auch balsamisch strömendes Mitgefühl zu intonieren.
Margot Genet zelebriert eine herrlich theatralische Musetta-Szene, mischt einen Hauch Schärfe in ihren dunkel gefärbten Sopran, verkörpert ganz die feurige Kokotte. Khanyiso Gwenxane hat lange Schwierigkeiten, stimmlich in die Rolle des Rodolfo hineinzufinden. Sein angenehm heller Tenor besitzt viel Volumen, klingt zunächst aber flackernd, nicht fokussiert. Erst ganz allmählich erreicht die Stimme Projektion, beginnt dann auch im Raum zu tragen. Bleibt die Arie „Che gelida manina“ noch mehr Versprechen als Erfüllung, legt er nach der Pause deutlich zu und kann schließlich doch überzeugen.
Große Freude macht das glanzvolle Puccini-Spiel der Neuen Philharmonie Westfalen, die wuchtige Massenszenen mit impressionistischer Detailkunst verbindet. Chor und Kinderchor sind stimmstark und voller Spielfreude dabei (Einstudierung: Alexander Eberle, Zeljo Davutovic). Dirigent Giuliano Betta tut erkennbar alles, um die Stimmen zu unterstützen. Was am Premierenabend geht und was nicht, weiß er ganz genau – und reagiert entsprechend. Meisterhaft!

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