
Allein in Essen wird in diesem Jahr jede Woche eine Kirche geschlossen, im gesamten Ruhrbistum grassiert das Kirchensterben. Die Zahl der Gläubigen schwindet, immer mehr Gotteshäuser stehen leer. Eine Entwicklung, die das Revier besonders trifft: Denn im Zuge des Wiederaufbaus und des rasanten Bevölkerungswachstums entstanden hier nach dem Zweiten Weltkrieg etliche moderne und brutalistische Kirchen, für die es nun immer weniger Verwendung gibt.
Das will die Manifesta ändern: Nach Stationen in Städten wie Barcelona und Pristina gastiert die europäische Kunstbiennale vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 im Ruhrgebiet. Leerstehende Kirchengebäude sollen dann in „kommunale Zentren für künstlerische und soziale Projekte“ verwandelt werden, wie es nun bei der Vorstellung vor internationalen Journalisten hieß. Die reisten in dieser Woche durch das Revier, schauten sich Büdchen, Halden, Industriekultur und einige leerstehende Kirchen an, die im kommenden Jahr bespielt werden.
Die aktuell oft leeren Kirchen sollen wieder ein Treffpunkt für die Menschen werden – von einem Streetfoodmarkt über Basketballflächen bis hin zu urbanen Gärten sei vieles denkbar, gibt Emilia van Lyden vom Manifesta-Team einen Ausblick. Die konkreten Projekte werden nun durch acht internationale Kuratorinnen und Kuratoren gemeinsam mit den Menschen vor Ort umgesetzt. Unter dem hochkarätig besetzten Team finden sich etwa der spanische Architekt Josep Bohigas und René Block, der als künstlerischer Leiter schon verschiedene Biennalen leitete, zuletzt in Riga.
Waren die Schwerpunkte der jüngsten Manifesta-Auflagen in Barcelona und Pristina vornehmlich künstlerischer und architektonischer Natur, so soll im Ruhrgebiet das Miteinander im Fokus stehen: Das sei zum einen das Ergebnis einer Bürgerbefragung im Vorfeld, nicht zuletzt hätten aber auch die Kommunalwahlen gezeigt, dass es kaum mehr Orte für nachbarschaftliches Miteinander gebe: „Viele Wählerinnen und Wähler haben ihre Unzufriedenheit über die Dysfunktionalität des öffentlichen Raums und ihre Entfremdung davon zum Ausdruck gebracht“, heißt es seitens der Manifesta.
„Das Schicksal dieser Kirchen — ob sie abgerissen, umgenutzt oder dem Verfall preisgegeben werden — erfordert dringend unsere Aufmerksamkeit“, heißt es in der Vorstellung des Projekts. Auch in Kooperation mit dem Ruhrbistum wurden nun zwölf Kirchen in Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg ausgewählt, die während der Manifesta bespielt werden sollen:
Teilweise werden die entweihten Kirchen schon jetzt für Kunst und Kultur genutzt: Der Kunstraum Heilig Geist etwa ist eine Plattform für Ausstellungen und Kunstprojekte und nicht zuletzt selbst ein Kunstwerk: So wurde die ehemalige Kirche in den Jahren 1966-1957 vom Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm erbaut. Seit 2019 stehen die Kirche und die umliegenden Gebäude unter Denkmalschutz.
Finanziert wird die millionenschwere Biennale unter anderem durch das Land NRW und den Regionalverband Ruhr sowie von der Brost-, Mercator- und RAG-Stiftung. Hans-Peter Noll, Vorsitzender der ebenfalls beteiligten Stiftung Zollverein, erhofft sich durch die Biennale auch ein Stück Zuversicht für die Region, dass die Menschen zusammenbringt. Nicht zuletzt bleibe auch zu hoffen, dass die Projekte lange nachhallen – auch, wenn die Manifesta nach drei Monaten ihre Zelte wieder abbricht.
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