
Saarbrücken/Gelsenkirchen · Eine Saarbrücker Installation wird nach Gelsenkirchen ein- und dann wieder ausgeladen. Die Stadt begründet das mit einer Stichwahl zwischen SPD und AfD. Für das saarländische Kulturministerium ist das nicht glaubhaft. Die Linke fordert eine Entschuldigung.
Ein Blick in die Installation „Hallender Hass“ von Melisa Kujević. Sie war im Juli im Lichtkeller der HBK zu sehen und ist Kujevics Meister-Arbeit an der Saarbrücker Hochschule.
Das saarländische Kulturministerium kritisiert die Ausladung einer Saarbrücker Installation durch ein städtisches Festival in Gelsenkirchen. Die Arbeit „Hallender Hass“ von Melisa Kujević an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) war für das Gelsenkirchener Festival „Goldstücke“ ein- und wieder ausgeladen (wir haben berichtet). Die Installation beschäftigt sich mit rechter Rhetorik und strahlt Zitate vor allem von AfD-Politikern an eine Wand. Nach der Ausladung hatte die Stadt auf das „staatliche Neutralitätsgebot“ verwiesen, man sehe bei Kujevićs Arbeit einen „parteipolitischen Bezug“ – gerade vor dem Hintergrund einer Stichwahl ums Oberbürgermeisteramt zwischen einer Politikerin der SPD und einem Politiker der AfD. Die Ausstellung wurde allerdings erst knapp zwei Wochen nach dieser Stichwahl Ende September (bei der die SPD gewann) eröffnet.
Das saarländische Kulturministerium (SPD) will in der Ausstellung kein parteipolitisches Engagement erkennen, „sondern einen künstlerischen Beitrag zur Demokratieförderung und zur gesellschaftlichen Selbstreflexion“. Die HBK sei eine „autonome Kunsthochschule. Ihre Lehrenden und Studierenden genießen die verfassungsrechtlich garantierte Freiheit von Kunst und Lehre“. Diese Freiheit schließe „ausdrücklich auch die Möglichkeit ein, gesellschaftliche und politische Themen kritisch zu reflektieren“. Die Arbeit „Hallender Hass“ thematisiere die „Normalisierung rechter Rhetorik“ und stehe damit nicht alleine – aktuell leiste etwa im Staatstheater das Stück „Käsch und Naziss“ dazu einen „Beitrag, der nicht nur im theoretischen Raum verharrt, sondern gerade durch den Einbezug des Bürgerchors auch den Saarländerinnen und Saarländern selbst eine Stimme gibt“.
Die Künstlerin Melisa Kujević, deren Installation sich mit rechter und rechtsextremer Rhetorik auseinandersetzt.
Für die Linke in Gelsenkirchen ist die Absage „ein klarer Akt der Zensur“. Wenn die Stadt „kritische Kunst unterdrückt und das mit angeblicher Neutralität begründet, ist das ein durchsichtiges Feigenblatt“. Eine Neutralitätspflicht dürfe nicht für Kunstausstellungen und einzelne Werke gelten, „sonst sprechen wir von staatstragender Auftragskunst“. Wenn Kunst provoziere und unbequeme Wahrheiten ausspreche, müsse das „einer Stadtverwaltung nicht gefallen – aber sie muss es tolerieren“. Deren Verweis auf eine „angebliche parteipolitische Ausrichtung“ sei nicht überzeugend.
„Die Installation nimmt zwar Zitate der AfD auf, doch entscheidend sind nicht die Urheber, sondern die Inhalte.“ Diese stünden beispielhaft „für rassistische und demokratiefeindliche Tendenzen, die längst über Parteigrenzen hinaus in der Gesellschaft präsent sind“. Gerade deshalb sei es wichtig, dass Kunst solche Entwicklungen offen thematisiere. „Die Stadt hätte die Chance gehabt, ein Zeichen für Kunstfreiheit und gegen rechte Hetze zu setzen. Stattdessen betreibt sie vorauseilenden Gehorsam. Das ist Zensur aus Angst vor einem Shitstorm von rechts.“ Die Linke in Gelsenkirchen erkläre „volle Solidarität mit Melisa Kujević. Die Stadt sollte ihre Entscheidung zurücknehmen und sich bei der Künstlerin entschuldigen.“
Auf SZ-Anfragen wegen der Absage haben bislang weder die Stadt Gelsenkirchen noch der Kurator der Ausstellung reagiert.
Antworten