Gelsenkirchen: Schock sitzt nach spektakulären Einbruch in Tresorraum tief – RND.de


Sind Sie bereits Abonnent?
Sind Sie bereits Abonnent?
Im alten Jahr gibt es keine Gewissheit mehr, doch die Wahrscheinlichkeit, dass man bestohlen wurde, dürfte erdrückend sein: Vielen Schließfach-Kundinnen und Kunden der Sparkasse in Gelsenkirchen wird in der Silvesternacht nicht nach Feiern zumute sein. Vor allem Fragen nach Versicherung und Entschädigung treiben sie um.
Hannover. Es sind Stunden der Ungewissheit, und die Bilder aus Gelsenkirchen sprechen für sich: Vor der Filiale der Sparkasse im Stadtteil Buer versammeln sich Schließfach-Kundinnen und Kunden, fordert lautstark ein Sprechchor: „Wir wollen rein, wir wollen rein!“ Tumultartige Szenen sind das. Die Menschen harren aus in der Kälte, können aber doch nichts erreichen. Im alten Jahr werden sie nicht mehr mit abschließender Sicherheit erfahren, ob auch sie tatsächlich bestohlen worden sind.
Und doch liegt die immense Wahrscheinlichkeit, dass dem so sein dürfte, bleiern in der Luft. Auch diese Botschaft transportieren die Aufnahmen, die derzeit aus der 263.000-Einwohner-Stadt im Ruhrgebiet um die Welt gehen. Der Schock, um Ersparnisse, Erbstücke, das persönliche Hab und Gut gebracht worden zu sein, steht den Menschen vor der Sparkassen-Geschäftsstelle ins Gesicht geschrieben.
Noch ist nicht klar, wie der filmreife Einbruch in den Tresorraum der Sparkasse genau erfolgen konnte, geschweige denn, wann genau. Bemerkt wurde er am frühen Montagmorgen, nachdem die Brandmeldeanlage einen Alarm ausgelöst hat. Abermals, muss man sagen. Denn auch am Sonnabend soll es schon einmal einen Alarm gegeben haben, heißt es vonseiten der Polizei. Die Ermittlungen zu all dem laufen auf Hochtouren.
Daher gibt es derzeit lediglich eine Art Beschreibung dessen, was passiert sein dürfte: Offenbar sind der oder die Täter durch mehrere Türen zunächst in einen Archivraum eingedrungen und haben sich dann von dort aus mit einem Spezialbohrer in den Tresorraum der Sparkassenfiliale vorgearbeitet. Das extra lange Wochenende mit seinen vorgelagerten Weihnachtsfeiertagen sowie ein unmittelbar angrenzendes Parkhaus dürften den Kriminellen dabei in die Hände gespielt haben, sodass ihnen der spektakuläre Coup überhaupt erst gelingen konnte.
Wohlgemerkt: dürfte. Denn Gewissheit – die gibt es bis jetzt über nichts rund um den Einbruch. Erst recht nicht darüber, wie groß die Beute ist, die die Täter gemacht haben. Die Rede ist von 30 Millionen Euro – oder mehr. Vermutlich sind es über 2500 Geschädigte. Auf ihrer Internetseite teilt die Sparkasse mit, dass etwa 3200 Schließfächer aufgebrochen worden sind. Damit dürften dann mehr als 95 Prozent all derjenigen Kunden betroffen sein, die ihre wertvollen Habseligkeiten den kleinen abschließbaren Fächern anvertraut haben.
Für sie ist inzwischen eine Hotline geschaltet, auch am Silvestertag ist sie von 9 bis 13 Uhr besetzt. Schriftlich sollen alle betroffenen Kundinnen und Kunden zudem informiert werden, heißt es bei der Sparkasse. „Der Brief wird zeitnah versendet“, hält sie in einem knappen FAQ auf der Homepage fest. Der Inhalt eines jeden Faches sei bis zu einem Wert von 10.300 Euro versichert, steht dort auch, gefolgt vom Hinweis: „Für die Versicherung ist von Ihnen eine Inventarliste zu erstellen und die Werte sind zu belegen.“
Wie das aber alles genau passieren soll? Und wann? Und wie lange die Schadensregulierung dauern wird? Diese Fragen bleiben im alten Jahr offen, und so werden die mutmaßlich betroffenen Kundinnen und Kunden mit viel Ungewissheit ins neue Jahr gehen. Den wenigsten dürfte in der Silvesternacht also zum Feiern zumute sein.
Ihre Gefühle bewegen sich zwischen Fassungslosigkeit, Verzweiflung und Wut, wie auch der WDR vor Ort eingefangen hat. Aus den Aussagen der Interviewten geht hervor, dass sie teils nichts von der Höhe der maximalen Versicherungssumme von knapp über 10.000 Euro gewusst haben wollen – und entsprechend auch größere Werte im Schließfach untergebracht haben.
Vonseiten der Sparkasse heißt es dazu, dass durch eine private Hausratversicherung möglicherweise auch höhere Summen abgesichert sein könnten. Im Bericht des Senders sieht man eine Frau unter Tränen, die sagt, dass der Inhalt ihres Schließfachs – den Schmuck ihrer verstorbenen Mutter, die Sparbücher der Kinder, ein Verlobungsring – nicht mit einem zusätzlichen Versicherungsvertrag zusätzlich geschützt sei.
Der Millionendiebstahl aus einer Sparkasse in Gelsenkirchen hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Nun ist ein weiterer Vorfall bekanntgeworden – in einer Bonner Sparkasse fehlt eine große Menge Gold.
Die Bilder rühren an, weil von ähnlich gelagerten Bank-Einbrüchen der Vergangenheit klar ist, dass sich die Entschädigungs- und auch die Ermittlungsverfahren sehr lange hinziehen können. Vor ungefähr einem Jahr etwa waren mehr als 300 Schließfächer in einer Filiale der Deutschen Bank in Lübeck aufgebrochen worden. Schmuck, Wertgegenstände und Bargeld im Gesamtwert von mehr als 18 Millionen Euro sollen die Täter damals schätzungsweise erbeutet haben. Auf die Schliche gekommen ist man ihnen bisher nicht. An Entschädigung sollen bisher rund sieben Millionen Euro geflossen sein. Das ist nicht nichts, aber eben weitaus weniger als der Schaden, der entstanden war.
Im zweistelligen Millionenwert bewegte sich auch der Schaden, als bis heute unbekannte Täter im August 2021 etwa 650 Schließfächer der Hamburger Sparkasse (Haspa) in Norderstedt ausräumten. In der Folge gab es langwierige gerichtliche Auseinandersetzungen darüber, wie viel Entschädigung die Haspa den Betroffenen zahlen muss. Und auch die Berliner Volksbank lehnte eine komplette Entschädigung der Opfer ab, nachdem Bankräuber im Januar 2013 etwa 300 Schließfächer in einer Filiale im Stadtteil Steglitz aufgebrochen und Beute im knapp zweistelligen Millionenbereich gemacht hatten.
Gerade der Berliner Fall verdeutlicht: Die Täter, die hinter solch filmreifen Schließfach-Beutezügen stecken, gehen mit höchst krimineller Energie und äußerst bedacht ans Werk. Über Monate sollen die Steglitzer Bankeinbrecher einen Tunnel gegraben haben, mit dem sie zu den Schließfächern vordringen konnten. Auch der Einbruch in Gelsenkirchen dürfte von langer Hand geplant worden sein – und bewusst am langen Weihnachtswochenende erfolgt sein.
Polizeisprecher
„Da waren Profis am Werk“, erklärte am Silvestertag auch ein Polizeisprecher. Bei den Ermittlern seien inzwischen mehrere Dutzend Hinweise auf die Täter eingegangen. Diesen werde derzeit nachgegangen. Intensiv geprüft würden in diesem Zusammenhang insbesondere Videosequenzen aus dem angrenzenden Parkhaus, die dort von Überwachungskameras eingefangen worden sein sollen. „Die Videos sind bekannt und Teil der Ermittlungen“, sagte der Sprecher.
In einer Whatsapp-Gruppe, in der sich Betroffene zusammengeschlossen haben, sollen sich die Videoschnipsel offenbar zunächst verbreitet haben. Die Polizei appellierte daher an Zeuginnen und Zeugen, Hinweise nicht in sozialen Medien zu veröffentlichen, sondern sich damit direkt an die Ermittler zu wenden. Diese sind unter den Rufnummern 0209/365 8112 und 0209/365 8240 zu erreichen.
Mehr zum Thema
Weitere Details zu den Videos aus dem Parkhaus nannte die Polizei am Mittwoch aus ermittlungstaktischen Gründen nicht.

source

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*