Spekulationen um geschlossene Großbäckerei in Gelsenkirchen: In der KI-Falle – WAZ | Westdeutsche Allgemeine Zeitung


Für viele unserer Leserinnen und Leser ist es unbefriedigend, wenn sie bei uns eine Meldung über Großkontrollen in Kosmetikstudios, Imbissen und Kiosken lesen. Denn wenn in einem Betrieb so deutliche hygienische Mängel auftreten, dass er vorübergehend geschlossen werden muss, dann möchten viele Menschen gerne, dass man Ross und Reiter nennt. Wir aber tun das in diesem schwierigen journalistischen Abwägungsfeld oft nicht. Eines, das durch die Künstliche Intelligenz noch schwieriger geworden ist, wie sich jetzt herausstellte.
Anfang Mai veröffentlichte die Stadt eine Pressemitteilung mit dem Titel „Gemeinsam für Ordnung und Sicherheit: Über 50 Einsatzkräfte führten Kontrollen durch – Großbäckerei stillgelegt, Trinkhalle mit Schabenbefall“. Wir veröffentlichten kurz danach unsere eigene Online-Meldung zu den Kontrollen und ließen diese auch auf Facebook veröffentlichen.
Nicht nachgefragt haben wir bei der Stadt, um welche Großbäckerei es sich handelt. Schließlich ist uns aus bisherigen Fällen bekannt, dass die Stadt aus Datenschutzgründen keine Namen der Betriebe nennt. Die Verwaltung weist darauf hin, dass nur besonders gravierende Verstöße mit expliziter Namensnennung öffentlich gemacht und auf dem Portal www.lebensmitteltransparenz.nrw.de online gestellt werden.
Den Namen außerhalb solcher Extremfälle als Redaktion doch zu veröffentlichen, erzeugt dann ein Spannungsfeld zwischen Transparenz und Prangerwirkung. Wir müssten uns dann die medienrechtliche und presseethische Frage stellen: Überwiegt das öffentliche Informationsinteresse den möglichen wirtschaftlichen und reputativen Schaden für den betroffenen Betrieb? Und in dem Fall der „Großbäckerei“ würde das öffentliche Interesse höchstwahrscheinlich nicht ausreichen.
Denn auch die Stadt betont auf Nachfrage, dass die hygienischen und damit für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung relevanten Mängel nicht der Hauptgrund für die Versiegelung der Bäckerei gewesen seien. Bauliche Probleme seien vordergründig gewesen. Bedauerlicherweise wird in der originären Mitteilung der Stadt ausschließlich auf die „erheblichen Hygiene-Mängel“ eingegangen.
Der Begriff der „Großbäckerei“, den wir von der Stadt übernommen haben, hat den Kreis der kontrollierten Betriebe allerdings bereits stark eingegrenzt. Schließlich gibt es nicht allzu viele Firmen in Gelsenkirchen, zu denen diese Bezeichnung passen würde. Auf Nachfrage nennt die Stadt sieben Betriebe, die in diese Kategorie fallen. Angeheizt wurden durch den Begriff Spekulationen in den Facebook-Kommentaren unter unserem geposteten Artikel. Viele User meinten dabei, es könne sich ja nur um die Bereket GmbH & Co. KG handeln.
Das ist falsch. Für den Familienbetrieb waren die Folgen dennoch schwer. Nach Angaben der Geschäftsführung stand das Telefon nicht mehr still. Also versuchte man dort, den Schaden zu begrenzen und schrieb auch an unsere Redaktion eine „Aufforderung zur Klarstellung geschäftsschädigender Inhalte“.
Deutlich machte man darin, dass man sicher nicht die Großbäckerei mit den erheblichen Hygienemängeln gewesen sei. „Unser Produktionsstandort ist zertifiziert und zahlt Steuern und wurde letztmalig im März 2026 durch die Überwachungsbehörde unangekündigt kontrolliert, wobei keine Verstöße festgestellt wurden“, stellte die Geschäftsführung klar.
Dem Schreiben beigefügt waren mehrere Auszüge aus dem Netz, in denen die Bereket GmbH in Verbindung mit der Kontrollmeldung der Stadt gebracht wurde. Frappierend: Dabei handelte es sich nicht nur um Facebook-Kommentare, sondern insbesondere um KI-Zusammenfassungen.
Sprachmodelle verschiedener Anbieter hatten Bereket aufgrund der ausgelesenen Social-Media-Spekulationen fälschlicherweise als den geschlossenen Großbäcker identifiziert. In der Zusammenfassung von Gemini, die mittlerweile über den Google-Suchergebnissen erscheint, heißt es sogar unmissverständlich: „Die Kontrolle fand in dem Gebäudekomplex an der Wembkenstraße statt.“ Dort befindet sich ein Standort von Bereket Brot. Wie gesagt, dabei handelt es sich eindeutig um eine Falschinformation. Das bestätigte auch noch mal die Stadt gegenüber unserer Redaktion.
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Der gesamte Vorgang macht deutlich, wie durch die Künstliche Intelligenz aus Vermutungen noch schneller vermeintliche Tatsachen konstruiert werden. Früher waren Kommentarspalten kommunikatives Rauschen, heute sind sie Treibstoff für die Sprachmodelle. Das zeigt, dass wir als Redaktionen in der KI-Ära noch sensibler sein müssen, wenn es um die Frage geht, ob wir Nährboden für Spekulationen bereiten. Mittlerweile haben wir den Post deshalb gelöscht, um der Künstlichen Intelligenz nicht weiteres Futter für Falschmeldungen zu geben.
Der Vorgang zeigt aber auch, dass man am Ende doch gut beraten ist, Informationen von professionell arbeitenden Redaktionen zu beziehen. Dort erfährt man zwar vielleicht nicht den Namen eines kontrollierten Betriebs. Aber man kann sich sicher sein, dass Gerüchte nicht unreflektiert übernommen werden.
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