Die AfD hat Roma in Gelsenkirchen gedemütigt. So antwortete eine Kunstausstellung darauf – der Freitag


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In Gelsenkirchen drückte die AfD Roma Besen in die Hand und forderte sie auf, die Straße zu putzen. Ausgerechnet dort zeigt gerade die Ausstellung „Radikale Hoffnung“, wie Widerstand aussehen kann. Was kann Kunst gegen Rassismus ausrichten?
Foto: Marek Gardulski
Das Ruhrgebiet ist die symbolische Heimstatt bundesdeutscher Arbeitskämpfe: von den frühen Aufständen der Bergarbeiter im 19. Jahrhundert über Proteste gegen Zechenschließungen in den 1960er und 70er Jahren bis hin zu den Streiks während der flächendeckenden Deindustrialisierung zum Ende des 20. Jahrhunderts.
Eine Kunstausstellung, die sich, zumal in der Ruhrmetropole Gelsenkirchen, diesem Thema widmet, will legitimerweise Menschen ins Museum holen, indem sie an deren unmittelbare Erfahrungswelt anknüpft. Gesellschaftliche Konflikte übersetzt sie ins Ästhetische und rechnet örtliche Vorkommnisse ins Globale hoch. Ganz andere Frage: Wo beginnt und endet die Arbeitswelt überhaupt, in einer Zeit, da Arbeit und Freizeit sich oft zu einer einzigen Grauzone vermengen?
Das Thema Arbeitskampf, dessen Zeitdokumente für manchen möglicherweise zu allzu plakativen Ansichten bundesrepublikanischer Geschichtsschreibung geronnen sind, hat seine spezifischen Schauplätze längst verlassen, da diese selbst verschwunden sind. Der britische Künstler Jeremy Deller stellt in seiner 62-minütigen Filmarbeit The Battle of Orgreave (2001) den letzten großen Bergarbeiterstreik Großbritanniens von 1984 als Reenactment nach – Polizeigewalt, Diffamierung und Kriminalisierung der Streikenden entladen sich in Straßenkämpfen. Dem Verlust von Arbeit folgt der Verlust von Identität. Als Leinwandproduktion im Untergeschoss stiftet der mittlerweile kanonisch gewordene Film eine zentrale Perspektive der Ausstellung, indem er das historische Ereignis als künstlerisches Projekt neu erzählt.
Als Sprungbrett dienen der Ausstellung mit dem Titel Radikale Hoffnung in einer ersten dokumentarischen Sektion Fotos, Plakate oder Tonaufnahmen lokaler Arbeitskämpfe – die Schließung der Zeche Bismarck in Gelsenkirchen 1966 oder der Kampf der Arbeiterinnen des Fotolabors Heinze um gleiche Bezahlung, über den dann 1981 das Bundesarbeitsgericht entschied.
Die kreative Arbeitsverweigerung stiftet dabei eine quasi organische Schnittstelle zur Kunst: Ab 1974 protestierte das italienische Künstlerinnen-Kollektiv Gruppo Femminista Immagine für Gleichstellung und die Anerkennung von Haus- und Care-Arbeit. Wie bestreikt man eine Arbeit, die nicht als solche gilt? Subversive Praktiken der Verweigerung wie ein mit Stacheldraht versiegelter Kochtopf oder das in Staub geschriebene Wort „Lohn“ knüpfen an Praktiken von Konzeptkunst und Minimalismus an. Die Fotos von Jean-Luc Moulène aus dem Jahr 1999 zeigen, wie Arbeiter*innen Streikobjekte herstellen, beispielsweise ein „Parfum der Solidarität“ oder Gauloises-Zigarettenschachteln mit der Aufschrift: „Hergestellt von streikenden Arbeitern“.
Małgorzata Mirga-Tas vertrat 2022 als erste Roma-Künstlerin Polen auf der Biennale in Venedig. Von ihr sind in der Ausstellung zwei großformatige Textilcollagen vertreten: Die Macht der Roma-Frauen von 2023, auf der Rom*nja-Frauen gegen Diskriminierung und Verdrängung demonstrieren, und 1965 Protest von 2024, auf der Rom*nja auf einer historischen Maikundgebung in Stockholm das Recht auf Bildung einklagen. Der Kampf gegen Ausschluss und Marginalisierung und die Frage nach den Bedingungen von Arbeit hallen in der Arbeit der zweiten Rom*nja-Künstlerin der Ausstellung, Selma Selman, wider: In ihrem zehnminütigen Film Mercedes Matrix von 2019 zerlegt sie mit ihren Brüdern und einem Nachbarn in einer Performance einen Mercedes und posiert am Ende stolz auf dessen Überresten.
Was sich als Selbstermächtigung und Aneignung antiziganistischer Stereotype lesen lässt, ist im Gelsenkirchen der Jetztzeit von besonders bitterer Brisanz: Vor wenigen Tagen erst konfrontierte die AfD im Stadtteil Ückendorf Rom*nja vor deren Wohnungen, drückte ihnen Besen und Schaufel in die Hand und forderte sie mit Worten wie „Komm her! Komm!“ auf, die Bürgersteige zu putzen, ergänzt von der in die Kamera gesprochenen Forderung: „Diese Menschen müssen unsere Stadt verlassen.“ Die Partei inszeniert das Verrichten von Reinigungsarbeit in rassistischer Konfrontation menschenverachtend als öffentliche Demütigung.
Hoffnung, so der amerikanische Philosoph Jonathan Lear, auf den sich die Ausstellung bezieht, ist radikal, wenn sie auch dann weiterbesteht, wenn es eigentlich keinen Grund zur Hoffnung mehr gibt. Er beschreibt dies anhand der Vertreibung der indigenen Bevölkerungen Nordamerikas in Reservate und der „Vernichtung einer verständlichen Lebensweise“.
Stellvertretend steht für Lear hierfür die Aussage des Anführers Plenty Coups vom Stamm der Crow: „Danach ist nichts mehr geschehen.“ Radikale Hoffnung bestehe darauf, „dass etwas Gutes hervortreten wird, selbst wenn man gegenwärtig noch nicht über die Begriffe verfügt, mittels derer man sich dieses Gute verständlich machen kann“. Arbeitskämpfe, zumal ohne gewerkschaftliche Abfederung, so insistiert diese von Julia Höner und Friederike Sigler kuratierte Schau, beharren auf diesem Prinzip.
Algorithmen und Plattformen und die Vereinzelung unterbezahlter Dienstleister*innen erschweren heute organisierte Massenaktionen. Kollektive Kämpfe und die künstlerische Auseinandersetzung damit weisen längst über das Feld der Lohnarbeit hinaus. Fragen der sozialen Gerechtigkeit schließen sich, so macht die Ausstellung deutlich, mit den großen politischen und ökologischen Krisenthemen unserer Zeit kurz.
Radikale Hoffnung. Kunst und Arbeitskampf Kunstmuseum Gelsenkirchen, bis 14. Oktober 2026.
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