Puppentheater in Gelsenkirchen wird abgewickelt: Das bietet das letzte Stück – WAZ | Westdeutsche Allgemeine Zeitung


Was sie nach ihrem bevorstehenden Abschied aus Gelsenkirchen am meisten vermissen wird? „Den Stadtgarten! Ich liebe es, dort zu lesen oder spazieren zu gehen“, antwortet Gloria Iberl-Thieme. „Aber mir wird ganz bestimmt auch die besondere Ästhetik dieses Hauses fehlen.“ Und da klingt die Stimme der scheidenden Chefin des MiR-Puppentheaters schon ein wenig wehmütig. Denn nicht nur ihr persönliches Kapitel am Musiktheater im Revier endet mit dieser Spielzeit, die komplette Sparte wird abgewickelt. Daher ist es der passionierten Puppenspielerin auch ein Bedürfnis, noch einmal auf die vergangenen sieben Jahre zurückzublicken.
Es war im Jahr 2019, als der damalige MiR-Intendant Michael Schulz entschied, das Puppentheater als eigenständige Sparte zu etablieren. Ein Schritt, den weltweit zuvor kein anderes Opernhaus gewagt hatte. Seitdem wurden in Gelsenkirchen nicht nur zahlreiche reine Puppentheaterstücke aufgeführt, sondern das dreiköpfige Team – bestehend aus Daniel Jeroma, Maximilian Teschemacher und eben Gloria Iberl-Thieme – beteiligte sich auch regelmäßig an spartenübergreifenden Inszenierungen.
„Frau der ersten Stunde“ bei diesem Projekt war Iberl-Thieme. „Ich hatte 20 Jahre zuvor in Berlin gelebt, habe dort studiert und auch gearbeitet“, blickt sie zurück. Als sie dann der Ruf aus Gelsenkirchen erreichte und sie diesem auch folgte, sei der anschließende Umzug ins Ruhrgebiet für sie „schon ein Schnitt gewesen“. Doch die Menschen hier hätten ihr das Ankommen damals sehr leicht gemacht. „Ich mag diese aufgeschlossene Mentalität. Und die Hilfsbereitschaft, auch außerhalb des Theaters.“ So erinnert sie sich an die Begegnung mit einer Frau, die sie bei einem heftigen Regenschauer an einer Fußgängerampel traf. „Die hat einfach ungefragt ihren Schirm schützend über meinen Kopf gehalten. Das fand ich klasse.“
Die Puppensparte bestand zunächst nur aus ihr und vier Studentinnen, die noch ihr letztes Ausbildungsjahr zu absolvieren hatten. „Für dieses Quartett war ich auch eine Art Mentorin“, so Iberl-Thieme. Erst mit Beginn der Spielzeit 2020/21 stießen dann zwei weitere ausgebildete Puppenspieler hinzu. Das war wichtig, denn diese Kunstform benötigt neben ganz viel gegenseitigem Vertrauen auch eine gute Koordination und ein funktionierendes Zusammenspiel.
Natürlich kommen sofort Erinnerungen in Iberl-Thieme hoch, etwa an die ersten Inszenierungen, in denen sie mitwirkte. Wie die Oper „Frankenstein“ oder das Puppenspiel „Pero oder die Geheimnisse der Nacht“. Doch kaum waren diese Produktionen auf der Bühne, da waren sie zwangsweise auch schon wieder verschwunden. Denn nur wenige Monate nach dem Puppentheater-Start grassierte die Corona-Pandemie – mit den bekannten Schließungs-Folgen für den gesamten Kulturbetrieb. „Das hat unsere Etablierungsphase am Haus natürlich sehr erschwert“, stellt die Spartenleiterin fest.
So habe sich der Neubeginn nach Corona beinahe wie ein neuerlicher Startschuss angefühlt. Und dennoch erreichte das Zuschauerinteresse, trotz mehrerer herausragender Produktionen, nur selten die erhofften und wirtschaftlich benötigten Zahlen. Iberl-Thieme vermutet, dass das hiesige Abo-Publikum traditionell schon immer mehr dem Musical sowie der Oper und Operette zugewandt war. Das Sprechtheater am Hause hatte ja schon zuvor Schiffbruch erlitten. Und die Puppensparte sieht sie nun einmal eher mit diesem verwandt. Auch der Fakt, dass sich zahlreiche Stücke eher an ein erwachsenes Publikum und nicht an Kinder richteten, habe eine Rolle gespielt. Denn gegen solche Erwartungen komme man immer nur sehr schwer an, so Iberl-Thieme.
Als dann bekannt wurde, dass Frank Hilbrich dem nach Saarbrücken gewechselten Schulz als MiR-Intendant nachfolgen würde, gehörte zu dessen ersten Entscheidungen, die Puppen-Sparte abzuwickeln. Die Förderung durch das Land NRW lief dafür aus. Und das Budget des Hauses ließ es nur zu, künftig entweder das Projekt-Labor „MiR-Lab“ oder das Puppentheater zu erhalten, nicht aber beide. Hilbrich entschied sich für das Labor – und teilte diese Entscheidung dem Puppen-Ensemble bereits 2025 mit.
„Es schmerzt, wenn man so eine Nachricht bekommt“, sagt Iberl-Thieme. Überrascht war sie indes nicht. Das Puppentheater sei „das Baby von Michael Schulz gewesen“. Ein Haus müsse so etwas nun einmal unbedingt wollen, um es aufrecht zu erhalten. „Schließlich beanspruchen wir Räume sowie Kapazitäten in den verschiedenen Werkstätten des Hauses.“ Das MiR sagte nun „Nein“ zur Puppen-Zukunft. Und dennoch gehe sie in einem innerlich aufgeräumten Zustand, so Iberl-Thieme.
Vielleicht fällt der Abschied dennoch nicht so schwer, weil die berufliche Zukunft nun gesichert ist. Denn das Puppentheater-Trio wechselt zur neuen Spielzeit 2026/27 komplett zum Staatstheater Saarbrücken – und folgt somit seinem Förderer Schulz. „Ich nehme viele Erfahrungen aus Gelsenkirchen mit“, so Iberl-Thieme. Für sie werde sich aber einiges ändern, soll ihr künftiger Fokus doch mehr auf der Leitungsfunktion liegen. Das wird auch deshalb möglich, weil die Puppensparte in Saarbrücken aus insgesamt fünf Spielerinnen und Spielern bestehen wird. „Es ist deshalb anders als hier nicht mehr zwingend notwendig, in jeder Produktion auch selbst mitspielen zu müssen.“
Verabschieden will sich das Team von Gelsenkirchen mit dem Puppentheater-Stück „Déjà vu: 7 Jahre neu sortiert“. Am 10. Juli (19.30 Uhr) und 12. Juli (18 Uhr) wird dabei ein Streifzug durch die eigene Vergangenheit unternommen. Iberl-Thieme verspricht das Wiedersehen mit einigen vertrauten Stoff-Weggefährten. Karten sind ab sofort an der Theaterkasse erhältlich oder unter 0209 40 97 200.
Ganz zum Schluss greift Iberl-Thieme aber noch einmal die Einstiegsfrage auf. Denn am meisten, betont sie, werde sie die Menschen hier vermissen: „Wir hatten im MiR so viele tolle Leute, die uns immer unterstützt und geholfen haben“, lobt sie. Klar komme es auch mal zu Reibereien unter Kollegen. „Aber eine so freundliche Arbeitsatmosphäre wie hier ist wirklich nicht selbstverständlich.“
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