
Die Show war gespickt mit Flugnummern.
Gelsenkirchen · Deutschlands Superstar Helene Fischer zeigte in der Gelsenkirchener Arena eine Show im XXL-Format vor 53.000 Fans. Es gab Flugeinlagen und als Höhepunkt einen Flirt mit ihrem Ehemann.
Helene Fischer macht schon bei ihrem Erscheinen klar, in welchen Sphären sie schwebt. Sie „fliegt“ von der Westtribüne der Veltins-Arena aus im engen knallroten Dress an einem Seil auf die Bühne herab, während Beat und Bass bei „Jetzt oder nie“ sofort für Dampf im Kessel sorgen. „Das ist unser Tag“, ruft sie und singt den gleichnamigen Song. Ihrer eher rhetorischen Frage „Seid Ihr glücklich?“ fügt sie schnell ein „ich auch“ hinzu. Und man nimmt es ihr ab.
Welche Musik genau in der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aktuell läuft, hat Nationalspieler Nadiem Amiri in seinem jüngsten Interview nicht verraten. Nur so viel: Schlagerklänge sind es nicht. Ob Helene Fischers neuer Song „Heute Nacht“, offizieller WM-Titel im privaten Fernsehen, später einmal mit der WM 2026 in Verbindung gebracht werden wird wie „Auf uns“ von Andreas Bourani mit dem WM-Sieg 2014 oder „54, 74, 90, 2006“ von den Sportfreunden Stiller mit dem „Sommermärchen“?
Helene Fischer auf der Bühne.
2006 war auch das Jahr, in dem die Karriere von Helene Fischer Fahrt aufnahm, woran sie mit ihrer aktuellen großen Stadiontournee erinnert – eine „Zeitreise“ mit „vielen Momenten fürs Herz“ kündigt sie an. Vor 20 Jahren erschien ihr Debütalbum mit dem prophetischen Titel „Von hier bis unendlich“. Denn die Erfolgsgeschichte dieser Künstlerin scheint keine Grenzen zu kennen. Was auch daran liegt, dass sie immer wieder neu auslotet, was Schlager kann: Sie wirkt im Duett mit ihrem Ex-Partner Florian Silbereisen genauso authentisch wie an der Seite von Rapperin Shirin David.
Helene Fischer sprengt die Grenzen der Schlager-Welt, auch mit ihrer aktuellen Show, wie sie in Gelsenkirchen bewies. Zweieinhalb Stunden ohne Pause dauerten die Fischer-Festspiele in der Schalker Arena. Der Auftritt der 41-Jährigen war eine temporeiche, grandios inszenierte Show im XXL-Format. Was hier an Lichteffekten, Pyrotechnik, Kostümen, Choreos und Flugeinlagen geboten wird, ist nur mit großen Pop-Acts zu vergleichen. Das gilt schon für die gigantische Bühne im „360-Grad“-Format, auf der die 53.000 Fans Fischer von allen Seiten sehen können und sie auf Laufstegen weit in den Innenraum gelangen kann. Nah an ihre Fans heran, die auf Transparenten verkünden, dass ihr Lebenstraum ein Foto mit Helene Fischer ist. Einige wenige Träume wird sie an diesem Abend erfüllen.
Von entspannten Momenten abgesehen, in denen sie Selfies mit einem Fischer-Double und einem Brautpaar im Publikum produziert und eine Polizistin beglückwünscht, die Geburtstag hat, aber von der Kamera nicht eingefangen wird, liefert sie eine präzise durchgetaktete Show, die für sie und ihr Team höchst anspruchsvoll ist. 150 Techniker steuern das effektvolle Gesamtkunstwerk. Die Show lebt neben der farbigen Inszenierung von der hervorragenden Band, die am Rand der Bühne platziert ist, von den 20 fantastischen Tänzerinnen und Tänzern, die mit Fischer tolle Bühnenbilder in Serie produzieren, und von einer gut aufgelegten Hauptdarstellerin, der man keine Anstrengung ansieht. Wenn sie nicht singt, lächelt sie, winkt, verteilt Kusshände.
„Ich habe Gänsehaut“, sagt sie. „Dank Euch kann ich nach 20 Jahren immer noch auf der Bühne stehen. Das ist nicht selbstverständlich.“ Sie weiß selbst am besten, dass das stimmt. Sie genießt die Euphorie, die sie entfacht. Bei „Genau dieses Gefühl“ singt die textsichere Arena erstmals mit, „Feuer am Horizont“ war ihr Debüt, aus „Hundert Prozent“, „Mitten im Paradies“, „Die Hölle morgen früh“, „Von hier bis Unendlich“ und dem hörenswerten „Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n“ macht sie ein emotionales Medley.
Mehr Zeit nimmt sie sich für den Klassiker „Schau mal herein“, ein Lied, das Suzi Quatro und Chris Norman 1978 als „Stumblin‘ In“ bekannt machten und Bernd Clüver und Marion Maerz im Jahr darauf coverten. Fischer selbst hat den Song mit Florian Silbereisen gesungen – es geht um die Sehnsucht nach einem harmonischen Verhältnis zum Ex, auch „wenn kein Feuer mehr brennt“. Was in Fischers Songtexten sehr selten vorkommt. Die Hymne „Mit keinem Andern“ beendet den ersten Teil, dem ein Medley mit Songs folgt wieder beeindrucken Tanz und Tempo der Choreografie.
Zu ihren besten Songs gehören „Fehlerfrei“ und „Null auf 100“, das sie im Liegen als Ballade beginnt und als Rock-Nummer beendet. „Warum“ ist ein weiterer Vorgeschmack auf ihr nächstes Album. Das Finale aber bilden ihre großen Hymnen, vor allem „Atemlos durch die Nacht“ – der Song, von dem sie selber sagt, dass er „alles verändert“ habe.
„Schwerelos, schwindelfrei“: Oft singt sie vom Fliegen, vom Abheben, vom Schweben. Aber es bleibt nicht bei der Metapher: Zum Höhepunkt des Spektakels hebt sie mit ihrem Ehemann Thomas Seitel, einem Luftakrobaten, der seine Karriere beim Cirque du Soleil begann, zur Flugshow ab. Zum ebenfalls neuen Lied „An meiner Seite“ fliegen, turnen, tanzen und flirten die beiden in himmlischer Höhe. Es sind wunderbare Bilder, berührende Szenen. Nicht alles ist gespielt in dieser Show.
Von jetzt an gibt es kein Halten mehr: „Wollen wir ein letztes Mal durchdrehen?“, ruft sie und hinterlässt bei den rockig arrangierten Gassenhauern „Blitz“, „Herzbeben“ und „Achterbahn“ die klare Botschaft, dass sie so viel mehr kann als Schlager singen.
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