Ilse Kibgis aus Gelsenkirchen: Sie war die Stimme der Menschen im Ruhrgebiet – waz.de


Von einem Schreibtisch hat sie immer nur geträumt. Ihre Gedichte und Geschichten entstanden am Küchentisch, neben dem harten Arbeitsalltag. Der literarischen Qualität hat das nicht geschadet. Bis heute gilt die Lyrikerin Ilse Kibgis als Ausnahmetalent. Mit leiser Melancholie blickte sie in ihren Versen auf „ergraute Wohngettos/wo an Klagemauern/der Aufstieg abprallt/Kulturzentren/die hochstapeln.“
Ihre Texte spielten in der Welt von Industrie und Bergbau, ihre Protagonisten: einfache Menschen, oft Frauen. Ilse Kibgis erzählte in knappen, einprägsamen Worten von ihrem Leben und verlieh so jenen eine Stimme, die man sonst nicht hörte.
Sie selbst stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Am 3. Juni 1928 geboren, wuchs sie mit zwei Brüdern im Stadtteil Horst auf; Gelsenkirchen sollte bis zu ihrem Tod im Jahr 2015 ihre Heimat bleiben. Der Vater war Bergmann, als Sozialdemokrat politisch engagiert. Ilse wurde antiautoritär erzogen, in den 30er Jahren eher die Ausnahme, als die Regel. Ihre Mutter erzählte den Kindern Märchen und Balladen, der Vater liebte klassische Musik.
Als junge Frau wurde sie vom Nazi-Regime zur Kriegsproduktion gezwungen. Nach dem Krieg heiratete sie einen Ofensetzer, bekam einen Sohn. Ilse Kibgis arbeitete als Aushilfe in der Mangel oder am Fließband, als Verkäuferin, Serviererin, Putzfrau. Ihre Leidenschaft jedoch war die Literatur. Sie las Goethe, Schiller, Dostojewskij, Erich Kästner, Heine und später auch Ingeborg Bachmann. Bereits in jungen Jahren begann sie zu schreiben, doch ihre Texte verschwanden lange in der Schublade, begleitet von einem ständigen schlechten Gewissen: „Und dann denk ich oft: Was könntste in der Zeit alles putzen.“
Erst mit 47 Jahren traute sie sich, ihre Gedichte in der Literarischen Werkstatt der Volkshochschule Gelsenkirchen vorzustellen. In deren Leiter, Josef Büscher, fand sie einen Förderer. 1977 erschien der Gedichtband „Wo Menschen wohnen“, 1984 folgte „Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen“. Sie erhielt den Josef-Dietzgen-Preis (1983), das Arbeitsstipendium des Landes NRW (1985), den Autorenpreis Forum Kohlenpott (1988). Ihre Gedichte finden sich in zahlreichen Anthologien.
Bis zu ihrem Tod lebte die Schriftstellerin zurückgezogen in Gelsenkirchen, dem sie liebevolle Zeilen widmete: „Meine Stadt ist kein Knüller/in Reisekatalogen/aber sie ist der Kreis/der mich einschließt/die Mauer die mich schützt/das Leben dessen Pulsschlag/mich durchströmt /sie ist die schwarze Erde/die meine Tränen verschlingt/meinen Gedanken lauscht“. Heute ist ein Platz in Horst nach ihr benannt.
Ilse Kibgis hat einmal gesagt, in ihren Gedichten habe sie gewagt, das zu sagen, was sie sich „im Leben nie getraut“ habe. „Für mich war das, was ich geschrieben habe, Emanzipation. Man wurde ja immer kleingehalten, besonders wenn man Frau war. Und im Nationalsozialismus wurde man zum Ja-Sager erzogen. Schreiben, das ist freiwerden von Zwängen.“
Der Beitrag ist mit dem Projekt „Frauen.Ruhr.Geschichte“ entstanden: www.frauenruhrgeschichte.de
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