Text: Jörn Seidel
Weitere Recherchen: Sabine Meuter, Carmen Krafft, Simon Schomäcker, Astrid Houben, Kristina Klusen
Grafik: Henri Katzenberg
Redaktion: Raimund Groß
Es ist Montagfrüh nach den Weihnachtsfeiertagen. Die Filialen der Sparkasse Gelsenkirchen sollen erst in einigen Stunden öffnen. Da geht um 3.58 Uhr bei der Feuerwehr ein Alarm aus dem Kundencenter Buer in der Nienhofstraße ein.
Polizei und Feuerwehr eilen zu der Sparkasse. Sie durchsuchen das Gebäude. In einem Archivraum entdecken sie ein riesiges Loch zum Tresorraum nebenan. Darin sind zahlreiche Schließfächer aufgeknackt. Sofort ist klar: Hier waren Einbrecher am Werk, die genau wussten, was zu tun ist.
Bohrloch der Einbrecher vom Archivraum zum Tresorraum
Hingegen nur erahnen lässt sich in diesem Moment: Hier haben tausende Sparkassen-Kunden Bargeld, Schmuck und andere Kostbarkeiten verloren. Die Beute könnte einen Wert von mehr als 100 Millionen Euro haben, wie es inzwischen aus Sicherheitskreisen heißt. Der Bankeinbruch von Gelsenkirchen ist womöglich einer der größten Coups in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte.
Wie konnte das geschehen? Wie konnten die Täter in die Sparkasse einbrechen? Wie konnten sie sich dort stundenlang, womöglich tagelang aufhalten, ein riesiges Loch in eine Stahlbetonwand bohren, Massen an Wertgegenständen herausschaffen und schließlich unentdeckt entkommen?
Eine Chronologie des Tathergangs anhand dessen, was wir wissen und was nicht. Zu den Quellen gehören Fakten, die die Ermittler bislang bekannt gegeben haben, Informationen aus Sicherheitskreisen, Einschätzungen von Experten, Zeugenberichte und Beobachtungen von Reporterinnen und Reportern des WDR vor Ort.
In diesem Text:
Dienstagvormittag, 23. Dezember 2025. Noch herrscht Alltag im Kundencenter Buer der Sparkasse Gelsenkirchen. Bis 13.00 Uhr ist geöffnet. Dann soll die Filiale im Stadtteil Buer fünf Tage lang geschlossen bleiben: über Heiligabend, die beiden Weihnachtsfeiertage und das anschließende Wochenende. Erst am Montagmorgen soll das Kundencenter wieder öffnen. Doch dazu wird es nicht kommen.
Irgendwann in diesem Zeitraum verschaffen sich die Einbrecher Zugang in das Gebäude der Sparkasse. Wie viele Täter es sind, ist unklar. Drei? Vier? Gehört womöglich noch ein Insider aus der Sparkasse oder mit engen Verbindungen zu der Bank dazu? Bekannt ist lediglich: Auf den veröffentlichten Bildern der Überwachungskameras von Montagfrüh sind drei Tatverdächtige zu erkennen.
Die drei sind offenbar Männer. Ihre Köpfe verdecken sie mit Sturmhauben und Caps. Sie tragen bequeme, eher dunkle Kleidung. Auf einem der Bilder trägt einer von ihnen hellgrüne Handschuhe, ein anderer rote.
Drei Tatverdächtige auf den Bildern der Überwachungskameras im Parkhaus
Die Bilder stammen von Kameras im benachbarten Parkhaus Marientor. Die Tatverdächtigen fahren einen schwarzen Kombi und einen weißen Kleintransporter: einen Audi RS6 und einen Mercedes Citan. Die Kennzeichen sind falsch. Jenes am Audi wurde in Hannover entwendet.
Fahrzeuge der Tatverdächtigen: ein Audi RS6 (links) und einen Mercedes Citan
Vielleicht ist es die Nacht auf Samstag, 27. Dezember, in der die Täter einbrechen, vielleicht vorher, vielleicht später. Ein genaues Datum teilen Polizei und Staatsanwaltschaft bislang nicht mit. Vieles wird noch ermittelt.
Bekannt ist dazu lediglich: Zum ersten Feueralarm aus der Sparkasse in Buer kommt es nicht erst Montagfrüh, 29. Dezember, sondern schon 46 Stunden zuvor am Samstag, 27. Dezember. Was den Alarm verursacht, ist ungeklärt. Etwa Staub beim Bohren? Womöglich Rauch? Woher?
Wenige Minuten später, gegen 6.15 Uhr, treffen Feuerwehr und Polizei an der Sparkasse ein. Sie betreten das Gebäude, gehen zum Tresorraum, aus dem der Feueralarm stammt. Doch am Vorraum des Tresorraums versperrt ihnen ein Rollgitter den Zugang. Möglicherweise kommen die Einsatzkräfte den Einbrechern in diesem Moment sehr nah. Feuerwehr und Polizei können weder Feuer noch Rauch noch sonstige Schäden feststellen. Daher stufen sie den Alarm als Fehlalarm ein und ziehen wieder ab.
Thomas Nowaczyk, Sprecher der Polizei Gelsenkirchen
Eine Fehlentscheidung der Einsatzkräfte? Nein, sagt später der Gelsenkirchener Polizeisprecher Thomas Nowaczyk dem WDR. Seine Begründung: Die Feuerwehr habe gewusst, dass der Alarm aus dem Tresorbereich stammt. Und in der Regel sei es so, "dass bei solch hoch geschützten Bereichen nicht die Notwendigkeit besteht, dass man dort hineingeht in diesen Tresorbereich, da dieser Raum so geschützt ist, dass selbst, wenn dort ein Brand ausgebrochen sein sollte, hier keine Gefahr für Leib und Leben besteht".
Am Dienstag nach der Tat teilt die Polizei Gelsenkirchen mit: Die genauen Abläufe des Einsatzes am Samstagmorgen "sind Gegenstand der Ermittlungen, die andauern".
Was ebenfalls dafür spricht, dass sich die Einbrecher für die Tat weitaus mehr Zeit nehmen als nur einige Stunden: Zeugen, die sich später bei der Polizei melden, beobachten schon in der Nacht auf Sonntag, 28. Dezember, im Treppenhaus des Parkhauses Marientor mehrere Männer mit großen Taschen.
Das Parkhaus Marientor ist für den Einbruch entscheidend. Über das Parkhaus gelangen die Täter in das Gebäude der Sparkasse. Und über das Parkhaus können sie per Auto die Beute herausschaffen und fliehen, ohne dass sie sofort entdeckt werden.
Vom Parkhaus gibt es einen Übergang zur Tiefgarage der Sparkasse.
Offenbar wissen die Einbrecher sehr genau, wie sie bei allem vorgehen sollen. Später sagt NRW-Innenminister Herbert Reul dem WDR: "Es war sensationell, gut und intensiv vorbereitet. Da war nichts dem Zufall überlassen."
Das zeigt sich schon, als die Täter zu Beginn ihres Beutezugs ins Parkhaus hineinfahren. Denn mutmaßlich nehmen sie an der De-La-Chevallerie-Straße die linke der beiden mit Schranken versehenen Einfahrten. Nur über diese lassen sich die unteren Ebenen befahren. Aber dorthin dürfen eigentlich nur Dauerparker.
Einfahrt zum Parkhaus Marientor
Um Dauerparker zu werden, muss man mit der Parkhaus-Gesellschaft B+B einen Vertrag abschließen. Erforderliche Angaben, die man auf deren Website machen muss: Anschrift, E-Mail-Adresse, Telefonnummer und Auto-Kennzeichen. Danach wird der Antrag von B+B geprüft.
Den Tätern gelingt es offenbar nicht nur, mit ihren Fahrzeugen in den unteren Parkhaus-Bereich für Dauerparker zu fahren. Sie wissen sehr genau, dass von der Ebene -3 ein eigener Weg zur Tiefgarage der Sparkasse führt. Diese Garage befinde sich zum Großteil unter dem Gebäude der Bank, wie eine Sparkassen-Sprecherin dem WDR später sagt.
Querschnitt von Sparkasse und Parkhaus: So gelangten die Täter in den Keller der Bank.
Eine weitere Hürde, die die Einbrecher dabei nehmen: Die Einfahrt und Ausfahrt der Sparkassen-Garage ist jeweils mit einem Rolltor gesichert. Zugang dazu haben offenbar nur wenige Bankmitarbeiter, Geldtransporter-Firmen und die Mieter der Wohnungen über der Sparkassen-Filiale. Offenbar verschafften sich die Täter vor dem Einbruch für das Rolltor einen Chip. Aber wie?
Rolltore zur Tiefgarage der Sparkasse: rechts Einfahrt, links Ausfahrt
Angekommen mit ihren Fahrzeugen in der Sparkassen-Garage, bahnen sich die Einbrecher ihren Weg zum Tresorraum mit den Kunden-Schließfächern. Dieser verläuft laut Polizeisprecher Nowaczyk "über mehrere Türen". Genaue Angaben zur Lage der Kellerräume machen Polizei und Sparkasse nicht.
Das Video zeigt das Sparkassen-Gebäude. Unter dem rot gepflasterten Robinienplatz geht es vom Parkhaus zur Bank-Tiefgarage. Im Keller ist der Tresorraum.
Die erste Tür befindet sich an der Sparkassen-Tiefgarage. Durch sie betreten die Täter die Kellerräume. Auf ihrem Weg zum Tresor durchqueren sie auch den Kellerbereich der Mieter aus den oberen Etagen.
Bemerkenswert: Auf dem Weg der Einbrecher durch die Kellerräume des Sparkassen-Gebäudes bis hinein in den Tresorraum gibt es offenbar weder aktive Bewegungsmelder noch Überwachungskameras. Traf die Sparkasse wirklich alle Sicherheitsvorkehrungen, die sie hätte treffen sollen? Die Bank selbst weist den Verdacht zurück. Am Ende könnten Gerichte darüber entscheiden, denn mehrere Schließfach-Kunden wollen die Sparkasse verklagen.
Haben die Einbrecher auch eine Codekarte für den Archivraum neben dem Tresorraum, in dem die Sparkasse Akten und Ordner lagert? Wie "Focus online" berichtet, sei für den Raum eine solche nötig. Die Täter gelangen hinein, ohne an der Tür Einbruchsspuren zu hinterlassen.
Die Einbrecher steuern den Archivraum offenbar ganz gezielt an. Von hier aus bohren sie das Loch zum Tresor. Und sie scheinen auch ganz genau zu wissen, wo sie den Bohrer ansetzen müssen.
Bekamen sie Insider-Informationen eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin der Sparkasse? Konkrete Hinweise gebe es nicht, sagt die Polizei. Aber es sei Gegenstand der Ermittlungen. Auch vor diesem Hintergrund durchsucht sie etwa eine Woche nach der Tat per Gerichtsbeschluss die Sparkasse in Buer und stellt Datenträger und Kundendaten sicher.
Klaus Nachtigall, Ex-LKA-Ermittler und Sicherheitsberater
Gut vorbereitet sei so ein Einbruch aber auch ohne Insider-Informationen möglich, sagt Ex-LKA-Ermittler Nachtigall. Zum Beispiel könnte es den Einbrechern gelungen sein, beim Bauamt Einsicht in die Bauakten zu bekommen. Um keine Spuren zu hinterlassen, könnte eine weitere Person dabei geholfen haben.
Möglich auch, dass die Täter selbst oder über eine andere Person eines der Schließfächer gemietet haben, die sie aufknacken. Haben sie darin einen Tracker gelagert, durch den sie wissen, wo sie den Bohrer ansetzen sollen?
Das vermutet im Gespräch mit dem WDR ein vom Einbruch betroffener Schließfach-Kunde. Als Schweißermeister hat er selbst mit Kernbohrungen zu tun. Seiner Einschätzung nach könnten die Einbrecher ein Indoor-Lokalisierungssystem genutzt haben, das unabhängig von externen Signalen wie GPS funktioniert.
Sicher ist: Die Einbrecher nutzen für das große Bohrloch einen Spezialbohrer. Experten gehen von einem Diamantbohrer aus. Der Unterschied zum Schlagbohrhammer: Er ist viel leiser und erzeugt weniger Vibration, weil er rein rotierend das Material abschleift. Das würde auch erklären, warum während des Einbruchs offenbar keine Zeugen Bohrgeräusche hören.
Etwa einen halben Meter groß ist das Loch in der Wand. Groß genug, damit die Täter hindurchsteigen können, um in den Tresorraum zu gelangen.
Nach und nach brechen sie fast alle 3.250 Kunden-Schließfächer auf – laut Sparkasse 95 Prozent. Etwa 150 bleiben unversehrt. Fehlt den Dieben am Ende die Zeit, um auch die restlichen Fächer aufzuknacken? Oder wissen sie, dass sich ein Aufbrechen dieser Fächer womöglich nicht lohnt? Laut Innenminister Reul knacken die Einbrecher ausgerechnet jene Schließfächer nicht auf, die in dem Moment nicht vermietet gewesen seien.
Herbert Reul, NRW-Innenminister
In den Schließfächern finden die Täter große Mengen an Bargeld. Einzelne Kunden geben später an, dass sie jeweils mehr als eine halbe Million Euro in ihren Schließfächern gehabt hätten. Woher die Gelder kommen, ist oftmals unklar. Der Innenminister schließt nicht aus: "Es kann Geld aus Clan-Vermögen sein." Aber auch hohe Geldbeträge in den Schließfächern könnten "von ehrlichen, anständigen Bürgern" sein.
Ein Betroffener erzählt dem WDR, er habe in seinem Fach 35 Armreifen und Kleingold gelagert gehabt. Den Wert schätzt er auf 100.000 Euro. Es sei sein Angespartes aus Jahrzehnten gewesen.
Viele sprechen von wertvollen Geschenken, die sie zu Hochzeiten, Taufen und Geburten bekamen. Aber auch das gehört zur Beute der Einbrecher: Erinnerungsstücke, die beim Verkauf nicht viel Geld einbringen, aber für die Betroffenen einen hohen ideellen Wert haben.
Insgesamt erbeuten die Einbrecher möglicherweise mehr als 100 Millionen Euro. Davon gehen die Ermittler aus, wie es aus Sicherheitskreisen heißt.
Als die Täter sich zurückziehen, sprühen sie nach "Bild"-Informationen Säure. Das tun sie im großen Stil im Tresorraum und teilweise auch im Parkhaus. Offenbar wollen sie damit ihre DNA-Spuren beseitigen.
Am Montagfrüh verlassen die Tatverdächtigen mit dem Kombi und dem Kleintransporter das Parkhaus Marientor. Das zeigen die Bilder der dortigen Überwachungskameras, die die Polizei für die Öffentlichkeitsfahndung nutzt. Auf einem ist die Angabe 2.52 Uhr zu erkennen.
Darüber hinaus sind kurze Szenen der Überwachungsvideos mit unbestimmter Zeitangabe an die Öffentlichkeit gelangt. Entstanden sie ebenfalls bei der Flucht? In einem wirft ein Maskierter Geld in einen Kassenautomaten. Verfügt er also doch nicht über eine Karte für Dauerparker? Ein anderer hebt die Schranke einfach mit der Hand hoch.
Videos der Überwachungskameras im Parkhaus – ohne Angabe von Datum und Zeit
Am Montag, 29. Dezember, um 3.58 Uhr löst schließlich der Brandmelder im Tresorbereich bei der Feuerwehr das zweite Mal Alarm aus. Warum, ist auch diesmal unklar. Erst jetzt durchsuchen Polizei und Feuerwehr das Gebäude. Zu spät, um die Einbrecher auf frischer Tat zu fassen.
Die Täter können mit der Millionenbeute unentdeckt entkommen. Die Ermittlungen der Polizei dauern an.
Dieser Beitrag liefert Informationen zum Youtube-Video von WDR aktuell "Einbruch in Sparkasse Gelsenkirchen: Insider-Job? | WDR Aktuelle Stunde" vom 07.01.2026, 20.10 Uhr.
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