
Gelsenkirchen · In der neuen Serie „Euphorie“ beim Streamingdienst RTL+ geht es um die selbstzerstörerische Sinnsuche einer verlorenen Generation. Statt in Kalifornien wie das US-Vorbild „Euphoria“ spielt sie zwischen Schrebergärten und Kohlehalden im Ruhrpott – und liefert eine unbequeme Analyse deutscher Wirklichkeit.
Das Ensemble von „Euphorie“ im Gelsenkirchener Schrebergarten.
Selten sah Gelsenkirchen so gut aus wie in der neuen TV-Serie „Euphorie“. Die Einfamilienhäuser sind schick eingerichtet, die Schulen wirken frisch renoviert, in den Schrebergärten feiert die Jugend und von den ehemaligen Kohlehalden schweift der Blick nicht über Kaliforniens Strände wie im US-Vorbild „Euphoria“, sondern über das im Sonnenuntergangslicht verglühende Revier. Die Abgründe lauern hier hinter den Fassaden eines missglückten Strukturwandels, im gleichermaßen verkorksten wie verkoksten Seelenleben der jugendlichen Protagonisten. „Wer in Gelsenkirchen aufwächst“, sagt die 16-jährige Hauptfigur Mila aus dem Off, „kotzt mit 14 Wodka-O in Papas Garten.“
Damit ist der Ton der Serie gesetzt. Wie im israelischen Original und dem US-Remake geht es auch in der deutschen Adaption, die auf dem Streamingportal RTL+ zu sehen ist, um jugendliche Selbstfindung und -zerstörung in einer weitgehend dysfunktionalen und oft teilnahmslosen Gesellschaft. Thematisiert wird, wie sich Heranwachsende in einer von Krisen wie Corona, dem Klimawandel und Kriegen gebeutelten Gegenwart behaupten müssen, sich dabei aber zusehends selbst verlieren. Auch weil die Erwachsenen, Eltern, Lehrer, Betreuer, hauptsächlich mit sich selbst zu tun haben und ihr Wohl über das der Kinder stellen.
Es ist also eine verlorene Generation, die da heranwächst; ihrem Ringen um Liebe, um Bestätigung, um Sinn folgt die Serie – und das weitaus freundlicher, als es sich bei der Themenstellung vermuten lässt. Die Folgen sehen für eine deutsche Produktion (Zeitsprung Pictures) hochwertig aus, die Kamera ist kreativ, aber dabei nicht zu experimentell, die Dialoge unter der Federführung von Autor Jonas Lindt sind weitestgehend unpeinlich, wirken auch nicht zwanghaft auf Jugendslang hingedrechselt, sondern dem Leben abgelauscht. Gut auch, dass die Regie (Antonia Leyla Schmidt und André Szardenings) der Serie nicht das arg skandalorientierte Konzept des US-Ablegers übergestülpt hat, sondern zu eigener Bildsprache und eigenem Rhythmus findet.
Szene aus „Euphorie“: Mila (Derya Akyol, r.) ist in Ali (Sira-Anna Faal) verliebt.
Während die amerikanische Version aber Stars wie Zendaya, Jacob Elordi und Sydney Sweeney hervorbrachte, ist dies bei „Euphorie“ zumindest fraglich. Das heißt nicht, dass die junge Riege um Derya Akyol als Mila, Sira-Arma Faal als Ali und Eren M. Güvercin als Jannis schlecht spielen, es fehlt ihnen nur etwas an Charisma. Dafür ist man froh, in einer deutschen Produktion mal frische Gesichter zu sehen. Vor allem Akyol, die auch als Off-Erzählerin fungiert und immer wieder die vierte Wand zum Zuschauer kommentierend durchbricht, weiß in dem sehr diversen Cast zu überzeugen.
So liefert die Serie, die von der Filmstiftung NRW mit 1,5 Millionen Euro gefördert wurde, eine trotz der limitierten Möglichkeiten einer Unterhaltungsproduktion gelungene Zustandsbeschreibung des Lebensgefühls einer Generation, die schon früh mit den unterschiedlichsten Zumutungen alleine zurechtkommen musste. Die Folge sind Depressionen, Panik- und Angststörungen – tatsächlich hat die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen zugenommen. Alles ist hier kaputt, das große Ganze wie die kleinsten Teile, und lässt sich nur kitten, wenn man mithilfe von Drogen aus dem eigenen Kopf verschwinden kann, wie es in der Serie heißt. Ein unangenehmer, auch unbequemer Befund.
Ganz nebenbei erzählt die Serie wie selbstverständlich Migrationsgeschichten, denn fast das gesamte Personal hat einen entsprechenden Hintergrund. Alles das schwingt mit in diesem traurig-tragischen Reigen. Die deutsche Wirklichkeit von heute ist komplex, durch die Augen einer 16-Jährigen gesehen, aber vor allem: chaotisch, ungerecht und unglaublich nervig.
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