Exklusiv: Sparkassenchef erstmals im Interview nach Einbruch in Gelsenkirchen – WAZ | Westdeutsche Allgemeine Zeitung


Rund zwei Wochen sind vergangen, seitdem weiterhin unbekannte Täter auf spektakuläre Weise in den Tresorraum der Sparkasse Gelsenkirchen-Buer eingebrochen sind und mehr als 3000 Schließfächer aufgebrochen haben. Den entstandenen Schaden schätzen Experten auf möglicherweise mehr als 100 Millionen Euro. Rund 3000 Kunden sind betroffen – nicht nur sie stellen sich seither die Frage, wie war dieser Jahrhundert-Coup möglich? Wie konnten die Einbrecher die Sicherheitsmaßnahmen überwinden und mutmaßlich über viele Stunden hinweg unbemerkt ihre Tat begehen? Erstmals seit Bekanntwerden des Einbruchs stellt sich nun Gelsenkirchens Sparkassenvorstand, Michael Klotz, den Fragen der WAZ.
Herr Klotz, wie ist der Tathergang nach Ihren Erkenntnissen nun genau gewesen?
Vorab möchte ich klarstellen, dass wir über die Weihnachtstage gemeinsam mit 3000 Kundinnen und Kunden Opfer eines Einbruchs geworden sind, der mit hochkrimineller Energie und unter Einsatz von schwerer Technik durchgeführt wurde. Wir haben uns zunächst darauf konzentriert, mit den betroffenen Kunden in Kommunikation zu kommen und sie zu informieren. Wir haben sehr schnell eine Hotline aufgebaut und haben Tausende Briefe an die Betroffenen verschickt. Jetzt sind wir dabei, zusammen mit der Polizei und einem Notar, das, was aus der Schließfachanlage noch zurückgeblieben und auf dem Boden verteilt ist, in einem aufwendigen Prozess akkurat zu dokumentieren und zuzuordnen. Aufgrund der schieren Menge wird das aber noch eine Weile dauern.
Noch mal zur Ursprungsfrage: Wie ist der Tathergang nach Ihren Erkenntnissen gewesen?
Nach unseren Erkenntnissen haben die Täter mehrere voneinander unabhängige Sicherungseinrichtungen, die in der Filiale vorhanden waren, überwunden und haben unter anderem mit Einsatz schweren Gerätes ein Loch durch die dicke Betonwand zum Tresorraum gebohrt. Wie genau die Täter in das Gebäude gekommen sind, wissen wir bisher nicht.
Die Einbrecher sind nach Informationen der Ermittlungsbehörden zunächst in den unterirdischen Bereich des benachbarten Parkhauses gefahren, in dem die Sparkasse ihre Parkplätze hat. Dieser Bereich ist durch ein Metallrolltor gesichert. Zugang haben aber auch Bewohner der über der Sparkasse gelegenen Wohnungen. Es gibt Aussagen, dass das Rolltor aber mindestens über die Feiertage durchgehend offengestanden habe. Stimmt das?
Dazu habe ich keine eigenen Erkenntnisse. Man braucht eine entsprechende Karte, um das Tor zu öffnen. Zugang zu diesem Tiefgaragenteil haben aber nicht nur Sparkassenmitarbeiter, das ist richtig. Das allein erlaubt aber keinen Zugang zur Filiale.
Vom Parkplatz aus sind die Täter offensichtlich in den Archivkeller der Sparkasse gelangt. Wie unsere Redaktion aus Sicherheitskreisen erfuhr, sollen sie dafür einen Tür-Code genutzt haben und mussten die Tür nicht gewaltsam aufbrechen, was einen Alarm hätte auslösen müssen.
Bisher gibt es nur Vermutungen, wie die Täter in das Gebäude gelangt sein könnten. Alles weitere werden die polizeilichen Ermittlungen, die wir vollumfänglich unterstützen, zeigen. Wir können uns auch nicht zu den einzelnen Sicherungsmaßnahmen im Detail äußern, auch wenn ich verstehe, dass sich viele Menschen das nun fragen. Es verbietet sich, zu Sicherheitstechnologien öffentlich Stellung zu nehmen, wenn man ein Höchstmaß an Sicherheit haben will. Klar ist jedenfalls, dass die Sicherheitsvorkehrungen auf dem anerkannten Stand der Technik und aktuell waren.
Was heißt denn das nun konkret, dass Ihre Sicherheitstechnik auf dem neuesten Stand ist? Gibt es im Tresorbereich Kameras, Bewegungsmelder, Erschütterungssensoren? Waren die Kameras und die übrigen Systeme in Betrieb oder wurden sie abgeschaltet?
Da sind wir jetzt wieder im Bereich der einzelnen Sicherungsmaßnahmen. Die Kunden erwarten zurecht, wenn sie ein Schließfach bei uns mieten, dass wir ihre Wertgegenstände sicher verwahren. Deshalb sind unsere Sicherungssysteme entsprechend dem anerkannten Stand der Technik auf Stand.
Nochmal die Frage: Was bedeutet: „Die Technik ist auf dem neuesten Stand“?
Wir haben noch vor kurzem die Einbruchmelde- und Brandmeldeanlagen im Gebäude erneuert. Und wir haben entsprechende Verträge mit einem spezialisierten Unternehmen, das den Stand der Technik sicherstellt Und das hat ja auch funktioniert. Es hat zwei Alarme gegeben. Zwei Brandmeldealarme wurden in dem infrage kommenden Zeitraum ausgelöst – einer am 29. Dezember, der dann zur Entdeckung der Tat geführt hat und einer am 27. Dezember, bei dem Polizei und Feuerwehr vor Ort waren, aber nichts feststellen konnten.
Sie sagen, die Sicherungssysteme wurden „vor kurzem“ ausgetauscht. Wann war das?
Wir haben in den letzten zwei Jahren die Alarm- und Brandmeldetechnik erneuern lassen.
Bislang deutet einiges darauf hin, dass die Täter Insider-Informationen gehabt haben müssen, darüber, wann und wie sie die Schließfächer der Sparkasse-Buer am besten ausräumen können. Wie gehen Sie damit um?
Dazu liegen uns keine Erkenntnisse vor und an Spekulation möchte ich mich nicht beteiligen. Auch das ist Sache der Ermittlungsbehörden.
Nach unseren Erkenntnissen haben die Täter Wertgegenstände, die eine eindeutige und möglicherweise registrierte Kennung haben, zurückgelassen. Die Rede ist von teuren Rolex-Uhren beispielsweise, die nicht mitgenommen worden sein sollen. Stimmt das?
Zu Details kann ich hier nichts sagen, aber es ist definitiv so, dass die Täter nicht alles mitgenommen haben, sondern enorm viele Dinge, Dokumente, Gegenstände auf dem Boden verteilt im Tresorraum liegen. Das ist ein riesiger Berg, der jetzt gemeinsam mit der Polizei und notarieller Begleitung akribisch und mit größter Sorgfalt gesichtet und dokumentiert wird, damit die Kunden ihr Eigentum schnellstmöglich zurückbekommen können. Aber, und das hatte ich eingangs ja schon gesagt, das wird noch seine Zeit brauchen, weil es so viel ist.
Allein die Sparkasse Gelsenkirchen bietet stadtweit rund 17.500 Schließfächer. Haben Sie Ihre Sicherheitssysteme nach dem Einbruch in Buer in den anderen Filialen überdacht?
Es war schon immer ein Wettlauf zwischen Sicherungstechnik und Kriminellen, und insofern war das auch schon immer so, dass man neue Erkenntnisse, die man hat, nutzt, um die vorhandene Sicherheitstechnik zu überprüfen und zu optimieren. Das werden wir auch hier tun, wenn es notwendig ist.
Tausende Kunden sind betroffen, mit vielen stehen Sie bereits in Kontakt. Wie geht es nun weiter für diese Menschen?
Wichtig ist, dass die Kunden ein Inventarverzeichnis der Dinge aufstellen, die in ihrem Schließfach waren. Das hilft auch dafür, dass Gegenstände, die noch zurückgeblieben sind, am Ende den Kunden wieder zugeordnet werden können. Wir wollen in einem zweiten Schritt den Kunden ein Muster an die Hand geben, wie so ein Inventarverzeichnis aussehen könnte. Das muss man nicht zwingend verwenden, aber da gibt es auch noch mal den ein oder anderen Hinweis für unsere Kunden, wie das denn dann gestaltet werden könnte. Wir versuchen, die Kunden durch den gesamten Prozess zu begleiten.
Zuletzt wurde der Ärger in der Stadt darüber, dass sich bisher kein Sparkassenverantwortlicher öffentlich erklärt hat, immer größer. Auch eine frühere Interviewanfrage unserer Redaktion hatten Sie zunächst abgelehnt. Können Sie den Frust der Leute verstehen?
Uns trifft es wirklich sehr, dass unseren Kunden durch Straftäter in unseren Räumen ein solcher Schaden zugefügt worden ist. Uns war besonders wichtig, unsere Kunden bestmöglich zu informieren und zu begleiten. Und wir werden das auch weiterhin machen, um schnellstmöglich die Dinge, die zurückgeblieben sind, den Kunden zuzuordnen und auch die Kunden durch den Prozess der Schadensabwicklung zu begleiten.
Immer häufiger hört man auch die Frage, ob die Sparkasse Gelsenkirchen angesichts möglicher Schadensersatzzahlungen weit über den Versicherungswert von 30 Millionen hinaus selbst in finanzielle Schieflage geraten könnte und eine weitere Gefahr für Kunden besteht.
Die Verträge sehen eine Absicherung pro Schließfach von bis zu 10.300 Euro vor. Niemand muss sich Sorgen machen, dass die Sparkasse ins Wanken geraten könnte.
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