
Ein Hauch von „Eau de Cologne“ weht über den Bahnhofsvorplatz, gesungen von Cat Ballou. Die Jecken drängeln sich unter den Vordächern und im Eingang des Bahnhofscenters. Einige bevölkern noch die umliegenden Geschäfte – und zwar jene, die kleine Regenschirme für kleines Geld verkaufen. Noch ist der Startschuss zum Straßenkarneval nicht gefallen. Und im Smalltalk gibt es nur ein Thema: das miese Wetter. „Aber immer noch besser, als wenn es regnen würde“, scherzt Hans-Georg Schweinsberg vom Festkomitee Gelsenkirchener Karneval.
Die Musik verstummt. Stille. Der Spielmannszug stimmt an. Das Trömmelchen geht und die Jecken ziehen auf den Platz. Sitzungspräsident Dennis Bittermann begrüßt die Narrenschar und die antwortet mit großem Helau. Mittendrin ist Björn Tondorf, Präsident des Festkomitees. Er ist guter Dinge: „Der Sitzungskarneval ist super gelaufen. Wenn jetzt der Straßenkarneval nur halb so gut wird, dann erleben wir einen mega Höhepunkt der Session!“
Mittlerweile schunkeln sich auch die Jecken in Stimmung. Und wer diesem Wetter trotzt, der muss schon sehr jeck sein, oder? „Ja, immer schon“, sagt Isabella. „Wir kommen schon seit dreißig Jahren zu Weiberfastnacht her“, erzählt sie und zeigt auf ihre beiden Kleinen im Kinderwagen. „Da war ich selbst noch im Kinderwagen.“ Woher ihre Liebe zum Karneval kommt? „Das habe ich ihr vererbt“, sagt Mama Gabi. Und sie habe es von ihrer Mutter. Gemeinsam, so erzählen sie, seien sie nicht nur heute dabei. „Wir sind auch am Sonntag beim Kinderumzug in Buer und am Montag beim Rosenmontagszug in Erle.“
Die Mitglieder der Vereine machen sich bereit für den Marsch zum Rathaus. Gar nicht so einfach: Ob Kostüme oder Couleur, alles muss irgendwie unter durchsichtigen Regencapes geschützt werden. Insbesondere für Prinzessin Stephanie ist das eine Herausforderung. Die Vorfreude lässt sie sich durch das Wetter nicht trüben. „Heute wird mein Tag!“ Allein Prinz Stefan tue sich noch schwer mit dem Gedanken, gleich in die zweite Reihe treten zu müssen, erzählt sie.
Um kurz vor elf Uhr setzt sich der Tross in Bewegung. Geleitet durch den Spielmannszug und zu den Klängen des treuen Husaren geht es gen Rathaus. Anders als sonst ist es ein recht einsamer Marsch. Auch wenn zahlreiche Geschäftsleute vor ihre Läden treten und die Strecke säumen. Die meisten Jecken aber erwarten die Tollitäten und ihren Hofstaat im trockenen Hans-Sachs-Haus. Dort hält sich auch Oberbürgermeisterin Andrea Henze bereit, den Schlüssel für das Rathaus zu verteidigen – und hat mit dem Einfallsreichtum der Prinzessin doch nicht gerechnet.
Zunächst jedoch marschieren die Gesellschaften ein, bis der Saal zum Bersten gefüllt ist. Die Tollitäten erklimmen die Bühne, Prinzessin Stephanie heizt den Närrinnen mit der „Karnevalsmaus“ ein. Gleich danach startet sie eine echte Charme-Offensive: Mit all ihren Gardemädchen überreicht sie Andrea Henze „Strüßje“ – ganze 75 an der Zahl, passend zum Alter der Karnevalsgesellschaft KG Piccolo, die die Prinzenpaare stellt.
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Die Rechnung geht auf: Die Oberbürgermeisterin erhebt sich, um die Blumen in die Menge zu werfen, Bezirksbürgermeisterin Marion Thielert tut es ihr gleich und schon übernehmen die Prinzessinnen die Kiste mit dem Allerheiligsten. Vermeintlich. Denn: Der Schlüssel ist da gar nicht drin. Nur ein Rätsel. Das jedoch führt zum Stadtschlüssel.
Und so heißt es um halb zwölf Uhr: „Gelsenkirchen ist in Narrenhand!“ Entmachtet ist aber nicht nur Andrea Henze. Auch Prinz Stefan büßt die Insignien der Macht ein und bekommt von Prinzessin Stephanie Micky-Maus-Öhrchen aufgesetzt. Helau!
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