
„Der Karneval ist für etliche Menschen negativ belegt. Viele denken vor allem an Alkohol. Mit unserem breit aufgestellten Engagement möchten wir zeigen: Karneval ist viel mehr“, sagt Reinhard Ostermann. „Die Vereine haben zahlreiche Angebote für Familien, sorgen für Gemeinschaft. Und natürlich wollen wir auch zeigen, dass man feiern kann, ohne vorher in den Kalender schauen zu müssen.“ Ostermann ist langjähriger Vorsitzender der Jecken vom Pütt, Vorstandsmitglied, und als solches zuständig für die Organisation der Veranstaltungen. Ganzjährig.
Als der Verein sich am 11.11.2011 aus den Reihen der Gemeinschaft Bergmannsglücker Vereine heraus gründet, will man vieles anders machen, neue Wege beschreiten, eine Brücke schlagen zwischen bergmännischer Tradition und närrischem Treiben. So weckt der Verein etwa zu Sessionsbeginn den Berggeist und wartet mit einem eigenen Dreigestirn auf, bestehend aus dem Steiger, dem Hauer und dem Bergjungmann. Man feiert seit jeher keine Gala, sondern eine ausgelassene Karnevalsparty und hat auch keine Garden, sondern allenfalls Showtanzgruppen. Bis dann die Corona-Pandemie die Jecken gezwungenermaßen auf neue Ideen bringt.
„Da haben wir ja viel Zeit gehabt, Neues zu entwickeln“, sagt Reinhard Ostermann. Weil der Verein das Narrenvolk trotz Abstandsregeln erreichen wollte, habe man Online-Sendungen produziert. Durch die Session 2020/21 hinweg, in der Schunkeln und Bützen unvorstellbar waren, brachte man so die Vereine und ihre Fans zusammen. „Es gab mehrere Sendungen mit Beiträgen aller Gelsenkirchener Vereine – und Videoschnipseln von Jecken aus der ganzen Welt.“ So erlebten die Karnevalisten damals mit, wie sehr besonders die kleinen Jecken unter den Einschränkungen zu leiden hatten. „Die Kinder haben im Garten der Oma ihre Tänze geübt, konnten sie jedoch keinem zeigen. Da haben wir gesagt, wir veranstalten ein Sommerfest.“ Weil die Sommer in der Zeit der Pandemie ja keinen Verhaltensregeln unterworfen waren.
Reinhard Ostermann, selbst einst Bergmann aus vollem Herzen, wendet sich an Bernd Lohse, Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Neue Zeche Westerholt. Diese ist für die jecken Kumpel der Wunschort für ein solches Fest. Bald gibt es dafür grünes Licht und eine Erstausgabe findet statt – mit ein paar hundert Gästen. „Am Abend haben wir nach dem Abbau zusammengesessen. Da kam jemand vom SuS Bertlich auf uns zu und sagte, sie würden auch gern mitmachen.“ Noch am selben Abend entsteht die Idee, künftig parallel zum Fest einen Zechenlauf zu organisieren – für Klein und Groß mit verschiedenen Streckenlängen und über das Gelände der Neuen Zeche Westerholt hinweg. Beides, Fest und Lauf, entwickelt sich gut. Die Jecken vom Pütt schreiben eine Erfolgsgeschichte. 2025 kommen rund 5000 Besucher zu dem eintägigen Fest und nehmen rund 300 Läufer an der Sportveranstaltung teil.
Doch damit nicht genug: „Wir wurden vor zwei Jahren aus den Reihen der Besucher angesprochen, wann wir denn den ersten Weihnachtsmarkt veranstalten. Und die Vereine, die davon hörten, unterstützten diesen Wunsch sofort“, sagt Reinhard Ostermann. Die Erstausgabe dieses vorweihnachtlichen Events geht im vorigen Jahr über die Bühne – an zwei Tagen und im Freien. „Aus beiden haben wir gelernt“, erzählt der Organisator, dass man doch ordentlich nass geworden sei. „Wir würden die Veranstaltung gern wiederholen, wenn wir ausreichend ehrenamtliches Personal haben und den Raum bekommen, den wir dafür brauchen.“ Und der sei eben überdacht. Das aber könne nur Bernd Lohse von der Neuen Zeche Westerholt ermöglichen. Ihn motiviert Reinhard Ostermann gern, indem er sagt: „Die Menschen warten darauf, dass wir das noch einmal anbieten.“
Übrigens: Wer die Jecken vom Pütt kennt, der weiß: Ein einfacher Weihnachtsmarkt, der passt nicht zu ihnen. Das Format trägt den Namen „Weihnachts-Pütt“. Wie es dazu gekommen ist, das hat Reinhard Ostermann niedergeschrieben in einer Geschichte für Jung und Junggebliebene, die der Verein auch veröffentlicht hat. Sie berichtet davon, dass der Weihnachtsmann in großer Sorge ist, weil alle seine Elfen krank sind und er keine Helfer mehr hat. Weihnachten ist in Gefahr! Auch die acht Weisen wissen keinen Rat. Bis Knecht Ruprecht vorschlägt, den Berggeist um Hilfe zu bitten. Von dem erhalte er nämlich immer seine Kohlen – aus den Tiefen der Westerholter Grube. Also muss der Berggeist geholt werden, der mit einer Grubenbahn unterirdisch gen Nordpol reist. Sein Vorschlag: Eine zweite Werkstatt des Weihnachtsmannes auf der Zeche Westerholt könnte helfen, alle unterirdischen magischen Wesen einzubinden und somit das Fest zu retten. Und eben dies wird mit dem „Weihnachts-Pütt“ gefeiert.
Während dieser noch Zukunftsmusik ist, laufen die Vorbereitungen für das fünfte Sommerfest aktuell schon auf Hochtouren. Immer mehr Vereine und Gruppen bringen sich ein, erzählt Reinhard Ostermann und ist überzeugt: Die Menschen wünschen sich mehr Gemeinschaft, mehr Miteinander. „Unser Fest heißt: Sommerfest der 1000 Möglichkeiten. Genau die wollen wir nutzen. Wir wollen zeigen, dass man gemeinsam viel erreichen kann.“ Das klingt alles schon beachtlich. Der Bergmannsglücker aber hat noch mehr jecke Ideen und Wünsche – wenn sie auch gewagt sind. „Eine vernünftige Halle in Hassel wäre schön, in der Vereine gemeinsam feiern können. Für diesen Zweck könnte ich mir eine Kaue vorstellen“, sagt er und lacht. Wohl wissend, dass dies einer großen Summe an Fördermitteln und Sponsorengeldern bedürfte.
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