Millionen-Diebstahl in Gelsenkirchener Sparkasse: „Da muss sich jemand genau ausgekannt haben“ – RP Online


Gelsenkirchen · 3000 Bankkunden sind von dem Tresordiebstahl in der Gelsenkirchener Sparkasse betroffen, Hunderte versuchten am Dienstag verzweifelt vor Ort, an Informationen zu kommen. Einen Alarm hat es schon Tage zuvor gegeben – viele Fragen sind offen.
Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden
Aufgebrachte Kunden vor Sparkassen-Filiale in Gelsenkirchen
Ein Bohrloch von der Tiefgarage in den Tresorraum, 3000 geknackte Fächer mit Geld, Gold und Erbstücken und eine Menge von verzweifelten Menschen, die vor der Bankfiliale ausharrt: Was wie ein Hollywoodfilm klingt, ist für etliche Gelsenkirchener bittere Realität. Bis zu 200 Kunden und Kundinnen der Sparkasse sind an diesem Dienstagfrüh in die Innenstadt von Gelsenkirchen-Buer gekommen, stehen vor den Glastüren der großen Filiale am Marktplatz, um Informationen zu bekommen. 24 Stunden nachdem einer der wohl spektakulärsten Bankdiebstähle der bundesdeutschen Geschichte bekannt wurde, der viele Fragen aufwirft.
Wie konnten Einbrecher unbemerkt ein so großes Loch in eine Wand aus Stahlbeton bohren in einem Haus, das auch Wohnhaus ist? Wer konnte wissen, dass über dem Bereich der privaten Tiefgarage im dritten Untergeschoss des öffentlichen Parkhauses die Tresorräume der Bank sind? Und warum konnten Alarmanlagen und Sicherungen das nicht verhindern? Gab es die überhaupt?
„Da muss sich doch jemand genau ausgekannt haben, ein Insider der Bank oder des Bauamtes“, diskutieren Passanten auf dem Marktplatz vor der Bank. Neben der für sie wichtigsten Frage, ob auch ihr Schließfach geknackt und geleert wurde, diskutieren Betroffene an diesem Morgen immer wieder die gleichen Fragen. „Wie konnte das niemand hören?“, fragt eine ältere Dame eine andere. Die antwortet: „Vielleicht haben sie Weihnachtsmusik laut aufgedreht, sie sollen ja über die Feiertage eingestiegen sein.“ Zum Lachen aber ist keinem zumute. Eine der beiden Gelsenkirchenerinnen, Elke, die ihren vollen Namen nicht preisgeben will, sagt, sie hatte etwa 100.000 Euro in bar im Schließfach, zwei Goldbarren und Schmuck ihrer Mutter. „Wenn es nicht hier sicher ist, wo denn dann? Das dachte ich“, sagt die 80-Jährige, den Tränen nah. „Schon meine Eltern waren Kunden hier, ich hatte immer vollstes Vertrauen.“ Noch kurz vor Weihnachten sei sie an ihrem Fach im Tresorraum gewesen, ein bisschen Bargeld für Weihnachtsgeschenke an ihren Sohn abholen. Andere Rücklagen in bar habe sie nicht, sie hoffe, dass ihr Fach nicht unter den aufgebrochenen ist.
Die Chance für die rund 2800 Kunden der Schließfächer, nicht vom Diebstahl betroffen zu sein, ist sehr gering. Nur etwa 150 der 3300 Fächer seien verschont geblieben, teilt die Bank später mit. Was genau und in welchem Wert gestohlen worden ist, können weder Bank noch Polizei genau sagen, denn Kunden müssen dazu keine Angaben machen. Versichert ist jedes Fach bis 10.300 Euro, sagt die Sparkasse, daher liege der mindeste geschätzte Schaden bei 30 Millionen Euro. Theoretisch gibt es die Möglichkeit, umfangreiche Versicherungen abzuschließen. Viele, die an diesem Morgen vor Ort sind, haben das nach eigenen Angaben nicht. Sie müssen nun erst einmal zusammentragen, was in ihrem Fach lagerte – auch für die Bank, die Versicherungen, die weiteren Ermittlungen.
Dass Kriminelle Bankschließfächer aufbrechen oder die Schließfächer auf andere Weise Schaden nehmen, kommt eher selten vor. Und wenn dann etwa durch einen Wasserrohrbruch. Der Bundesverband deutscher Banken riet bereits in der Vergangenheit: Weil die Bank den Inhalt des Schließfachs nicht kennt, sollten Kunden immer für sich genau dokumentieren, was sich darin befindet. Der Bund der Versicherten rät bei Schließfächern, zuerst zu prüfen, ob für den Fall des Verlustes oder der Beschädigung eingelagerter Wertsachen ein Versicherungsschutz im Mietpreis des Schließfachs enthalten ist – und für welche maximale Entschädigungssumme.
Ratschläge, die zu spät kommen für die Betroffenen in Gelsenkirchen-Buer, einem eher wohlhabenden, gepflegten Stadtteil der Ruhrgebietsmetropole mit vielen Grünflächen und Kulturstätten. Der Anteil der Menschen mit Migrationsgeschichte liegt hier mit etwa 15 Prozent deutlich unter dem Schnitt der Stadt, in der ein Viertel der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte hat.
Viele türkischstämmige Menschen sind auch unter den Betroffenen des Sparkassen-Coups. Viele berichten vor Ort vor allem von Goldschmuck und Hochzeitsgeschenken, aber auch von sechsstelligen Bargeldsummen, die sie dort in Schließfächern verwahrt hielten. E-Mails oder persönliche Benachrichtigungen von der Bank an die Kunden habe es gar nicht gegeben, berichten die Betroffenen unisono.
Erst gegen Mittag, 14 Uhr, erscheint jemand von der Sparkasse Gelsenkirchen: Frank Krallmann, Bereichsleiter Vorstandsstab, weißes Hemd, schwarze Winterjacke, stellt sich auf den Marktplatz vor die Kameras. Von den insgesamt 3300 Schließfächern seien 90 Prozent aufgebrochen worden: „Wer hier ein Fach hatte, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch betroffen“, sagt Frank Krallmann und drückt im Namen der Sparkasse sein Bedauern aus. „Mit so etwas haben wir nicht rechnen können“, sagt Krallmann, der betont, die Tresorräumlichkeiten selbst nicht zu kennen. Er könne auch nichts zu den Sicherheitsvorkehrungen und Alarmanlagen sagen.
Ein großes Loch ist in der Wand des Tresorraums der Sparkasse in Buer zu sehen.
Es bleibt Teil der Ermittlungen der Polizei, die aber einräumt, dass es schon am Samstag nach Weihnachten, also am 27. Dezember, einen Alarm an diesem Gebäude gegeben habe – und sie auch ausgerückt sei. Was genau abgelaufen ist, könne man zur Stunde nicht sagen. Vom Raub haben Polizei und die Bank in der Nacht zu Montag gegen 4 Uhr erfahren – als ein weiterer Alarm losging.
Die Flucht der mutmaßlichen Täter sei auch auf Überwachungsvideos aufgezeichnet worden. Nach Angaben der Polizei sind die Vermummten mit einem schwarzen Audi RS 8 aus der Tiefgarage geflohen, der ein gestohlenes hannoveraner Kennzeichen hatte. Laut Zeugenaussagen von Anwohnern aus dem Haus sind auch mehrere Personen im Hausflur mit Taschen gesehen worden. Es soll eine öffentliche Fahndung geben, so die Polizei.

source

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*