"Muss gezittert haben": Rudi Cerne hat Vermutung zu Sparkassen-Coup in Gelsenkirchen – T-Online


Seit dem Millionencoup in einer Sparkasse in Gelsenkirchen sind mehr als 200 Ermittler im Einsatz. Jetzt soll das Publikum von "Aktenzeichen XY" den entscheidenden Hinweis bringen.
Als an einem Montag, wenige Tage vor Silvester, eine Brandmeldeanlage losging, dürfte die Gelsenkirchener Feuerwehr mit einem der üblichen Fehlalarme gerechnet haben. Doch was sie in der Sparkassenfiliale im Norden der Stadt vorfand, bestimmt seitdem die Schlagzeilen: mehr als 3.000 leer geräumte Schließfächer im Tresorraum. Gold, Schmuck und Bargeld im Wert eines zweistelligen Millionenbetrags waren weg. Am Mittwochabend ist der Millionencoup von Gelsenkirchen nun Thema in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY". Die Ermittler bitten die Zuschauer um Hilfe und hoffen auf einen möglicherweise alles entscheidenden Zeugenhinweis.
Der Fall wird in der Sendung gleich zu Beginn vorgestellt. Unter anderem sollen Videos aus der Überwachungskamera eines Parkhauses gezeigt werden, die die mutmaßlichen Täter bei ihrer Flucht zeigen. Außerdem soll ein Kernbohrer im Studio präsentiert werden. Mit einer solchen Maschine waren die Täter mutmaßlich in den Tresorraum der Bank eingedrungen. Vom Original fehlt jede Spur.
Moderator Rudi Cerne hatte so einen Fall nach eigener Aussage noch nie in der Sendung. "Es ist wirklich außergewöhnlich, was da abgelaufen ist. Die müssen sich da stundenlang aufgehalten haben", erzählt er im Gespräch mit t-online. Der Kernbohrer ist für Cerne dabei ein Schlüsselobjekt: "So ein Bohrer macht einen Höllenlärm. Wenn der durch eine Betonwand geht, muss das ganze Gebäude gezittert haben. Dass das keiner mitbekommen haben soll, ist mir ein Rätsel."
Nach den bisherigen Erkenntnissen waren die Täter vermutlich an einem der Weihnachtsfeiertage über eine wahrscheinlich manipulierte Tür in das Sparkassengebäude eingedrungen. Dort verschafften sie sich Zugang zu einem Archivraum. Die Täter müssen gewusst haben, dass sich hinter der Wand der Tresorraum mit Tausenden Schließfächern befindet. Präzise setzten sie dort einen Kernbohrer an und arbeiteten sich vor. Am Ende klaffte ein 40 Zentimeter großes Loch in der Wand. Der Zugang zum Tresorraum war frei.
Am 27. Dezember um 10.45 Uhr brachen die Unbekannten das erste Schließfach auf. Belegt ist das durch ein Sicherheitssystem, das sämtliche Öffnungen und Schließungen der Tresore in der Bank protokolliert. Vier Stunden später speicherte das System zum letzten Mal die Öffnung eines Schließfachs. Insgesamt wurde laut Polizei "ein zweistelliger Millionenbetrag" entwendet. Anwälte brachten zuletzt weitaus höhere Summen von 100 Millionen Euro und mehr ins Spiel.
Cerne hält das Vorgehen der Täter für "zutiefst verwerflich". Manch einer habe in dem Schließfach "zigtausend Euro für das Alter angespart – und dann wird das alles in so einem Jahrhundert-Coup zunichtegemacht."
Thomas Nowaczyk hofft auf einen Ermittlungserfolg durch "Aktenzeichen XY". Er ist Sprecher der Gelsenkirchener Polizei. Raubüberfälle, Einbrüche und Gewalttaten jeglicher Art sind für ihn und seine Kollegen Alltag. Aber so einen Fall hat auch er noch nie erlebt: "Es gibt bei uns aktuell kein anderes Thema", sagt Nowaczyk t-online.
Ihm zufolge werden während der ZDF-Sendung viele Polizisten im Einsatz sein, um Hinweise telefonisch entgegenzunehmen. "Wer hat die Fluchtwagen vor oder nach der Tat gesehen? Gibt es sonstige Zeugen, die etwas von der Tat mitbekommen haben?" Das seien die drängendsten Fragen, bei denen er auf Antworten hoffe.
Seit dem Coup haben Thomas Nowaczyk und sein Team keine ruhige Minute mehr: In den Tagen nach dem Einbruch versuchten Hunderte aufgebrachte Kunden, vor Ort an Informationen zu kommen. Die Polizei riegelte das Gebäude ab. In diesen Tagen haben nun die Vernehmungen der Betroffenen begonnen. So soll geklärt werden, wie hoch der Schaden tatsächlich ist. Mehr als 200 Ermittler arbeiten in Zwölfstundenschichten an dem Fall.
Die Täter hinterließen Spuren: Überwachungskameras filmten, wie die Unbekannten mit einem Audi RS 6 sowie einem Mercedes-Kleintransporter flüchteten. Die Kennzeichen der Wagen wurden Anfang Januar, rund eine Woche nach der Tat, in einem Mülleimer am Dortmunder Hauptbahnhof entdeckt. Wer sie dort abgelegt hat? Unklar. "Wir haben keine heiße Spur", sagt Nowaczyk.
Es dürfte sich bei den Tätern um Profis handeln. Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte Mitte des Monats im Landtag gesagt, man fühle sich wie in "einem Kinofilm, was Professionalität und Kaltschnäuzigkeit angeht". Es sei nicht "klein Fritzchen", der sich solch eine Tat ausgedacht habe, so Reul.
Diese Einschätzung teilt auch ZDF-Moderator Cerne: "Ich glaube, die kommen aus dem Baugewerbe. Ich kann so einen Kernbohrer nicht bedienen. Da muss Fachwissen dahinterstecken. Die Täter müssen eiskalt und total abgebrüht sein und irgendetwas mit Handwerk zu tun haben", vermutet er.
Und auch sonst gingen die Täter planvoll vor: Sie nutzten im Tresorraum chemische Flüssigkeiten, mutmaßlich um Spuren zu verwischen, und hinterließen ein Chaos. Etwa 500.000 Gegenstände lagen auf dem Boden, der gesamte Raum war durchwühlt worden.
Gibt es Menschen, die mehr wissen? ZDF-Moderator Cerne geht davon aus: "Bei so einem Kapitaldelikt muss es Mitwisser geben." Aber auch der Kernbohrer könnte die Täter letztlich überführen, wie Polizeisprecher Nowaczyk betont: "Vielleicht sieht irgendjemand in den kommenden Tagen so einen Kernbohrer irgendwo im Wald herumliegen." Es wäre die heiße Spur, nach der die Polizei seit Wochen sucht.
Laut Cerne ist nicht ausgeschlossen, dass schon während der Sendung ernsthafte Hinweise eingehen und die Polizei einen Erfolg vermelden kann. "Das wäre der Idealfall. Dann wäre ein Jahrhundert-Coup gelöst."
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