
Redakteur Lokal
Gelsenkirchen-Hassel. In Gelsenkirchen-Hassel ist am Röttgersweg die neue Mährfeldschule eröffnet worden. Ein neues Konzept unterscheidet sie von anderen Schulen.
„Wie zufrieden sind Sie denn, dass Sie aus den Containern ausziehen dürfen?“: Das ist natürlich eine typische Reporterfrage, eigentlich genauso sinnlos wie „Wie zufrieden sind Sie, dass Sie gewonnen haben?“ nach einem Fußballspiel. Annegret Treichel, Schulleiterin der Mährfeldschule, findet trotzdem eine originelle Antwort auf die nicht so originelle Frage: „Auf einer Skala von 1 bis 100: 110!“
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Es war eine Punktlandung: Genau einen Tag vor dem Beginn des Schuljahres 2025/26 präsentierte die Stadt Gelsenkirchen am Dienstag die neue Mährfeldschule in Gelsenkirchen-Hassel. Für Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer beginnt damit eine neue Zeitrechnung: Die Container-Zeit, die sechs Jahre gedauert hat, ist jetzt vorbei, und auch, wenn Annegret Treichel sagt, dass nicht alles schlecht war in diesen sechs Jahren, dass sich alle gut mit der Situation arrangiert hätten, so war die Erleichterung allen Beteiligten doch anzumerken. Und die Vorfreude, jetzt endlich die neue Schule beziehen zu können.
Die Vorgeschichte: Seit 1911 wurden in Hassel Kinder an der Mährfeldschule unterrichtet, das Gebäude verströmte den Geist der Kaiserzeit, ein Schulgebäude, wie man es vielfach noch in ganz Deutschland findet. 2017 aber wurde im Dach der Schule ein Pilz entdeckt, der „Echte Hausschwamm“, und der hatte dem Dachstuhl so zugesetzt, dass eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich war. Die Folge: Die alte Mährfeldschule wurde abgerissen, an gleicher Stelle sollte ein neues Gebäude entstehen. Während der Bauzeit wurden die Schülerinnen und Schülern seit 2019 in Containern unterrichtet, die nebenan aufgestellt wurden: Ein Provisorium, das sechs Jahre hielt: Es gibt also Kinder, die ihre komplette Grundschulzeit dort verbracht haben.
Das war etwas länger, als geplant, und auch die Kosten für den Neubau waren am Ende höher als vorhergesagt: 19 Millionen kostete der Bau am Ende, mit 7,3 Millionen hatte man 2017 noch gerechnet, und einer Fertigstellung im Sommer 2024. Corona, Ukraine-Krieg und explodierende Energiekosten kamen dazwischen.
Aber das rückte alles am Dienstag in den Hintergrund: Jetzt ist sie (fast) fertig, die neue Mährfeldschule – im Inneren müssen noch ein paar kleinere Schönheitsreparaturen erledigt werden, auch das Außengelände ist noch nicht ganz so weit, aber pünktlich zum Schuljahresstart können Kinder und Lehrerkollegium einziehen. Und vom Geist der Kaiserzeit könnte die neue Schule nicht weiter entfernt sein: Statt langen Fluren, dunklen Treppenhäusern und Klassenzimmern mit hohen Decken ist eine Schule entstanden, die explizit eben keine „Flurschule“, sondern eine „Clusterschule“ sein will.
Im Gegensatz zur klassischen „Flurschule“ werden die Lern- und Unterrichtsräume mit den zugehörigen Differenzierungs-, Aufenthalts- und Erholungsbereichen zu einer Einheit, einem Cluster, zusammengefasst. Drei Cluster hat die dreizügige Schule, das Wort meint eine multifunktionale Zone für jeweils die Jahrgänge 1 bis 4, die sowohl Lernumgebung zum kooperativen und individuellen Arbeiten, zur Begegnung, zur Bewegung, zum Entspannen, zum selbstbestimmten oder gelenkten Lernen bietet. Im Cluster 1 sind also die Klassen 1a, 2a, 3a und 4a zusammengefasst, in den anderen beiden Clustern, die sich alle farblich unterscheiden, jeweils die anderen beiden Züge.
„Hinter dieser architektonischen Idee steht ein klassenübergreifendes pädagogisches Organisationskonzept“, erläutert Schulleiterin Annegret Treichel. „Die Cluster ermöglichen pädagogische Flexibilität beim Wechsel der Lernformen und schafft räumliche Synergien. Jedes Cluster ist einer Schule im Kleinformat ähnlich. Die Klassen haben weiterhin eigene Klassenzimmer, können aber auf gemeinsamen Flächen das individuelle Lernen, gerade auch bei Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, stärker in den Blick nehmen und besser umsetzen.“ Sie nennt ein Beispiel: Kinder, die eingeschult werden und schon lesen können, seien unterfordert, wenn sie mit dem Rest der ersten Klasse lesen lernen. Sie könnten dann etwa mit Kindern aus der zweiten Klasse, die noch Nachholbedarf beim Lesen haben, zusammen eine Lerngruppe bilden.
Dieses Konzept umzusetzen sei nicht einfach gewesen, betonte Stadtbaurat Christoph Heidenreich. „Diese besondere Idee hat uns architektonisch und brandschutztechnisch in Planung und Ausführung schon vor einige Herausforderungen gestellt, die wir aber in Zusammenarbeit mit der Schule letztendlich alle lösen konnten“. Das Ergebnis könne sich aber wirklich sehen lassen, so Heidenreich und biete baulich hervorragende Voraussetzungen für das angestrebte pädagogische Konzept. Leider sei die Bauzeit aber auch „mit einer erheblichen Kostensteigerung verbunden“ gewesen.
Die Daten und Fakten: Entstanden ist am Röttgersweg ein zweigeschossiges Gebäude mit Teilunterkellerung und Flachdach, auf ca. 1600 Quadratmeter Grundfläche. Die Dachfläche ist als Gründach ausgebildet, zudem ist eine Photovoltaikanlage auf dem Dach installiert. Dank einer Aufzuganlage ist das Gebäude barrierefrei. Den Schülerinnen und Schülern stehen zwölf Unterrichtsräume im Obergeschoss sowie fünf OGS-Räume im Erdgeschoss zur Verfügung. Zusätzlich befinden sich dort ein Essraum, ein Gruppenraum sowie flexibel nutzbare Einheiten für den Clusterbereich, ein Büro und ein Besprechungszimmer. Darüber hinaus gibt es einen Mehrzweckraum, eine Bibliothek, eine Aula und moderne Sanitäranlagen.
Wer sich selbst ein Bild machen will: Am 13. September findet an der Schule ein Tag der offenen Tür statt. In der Zeit von 10.30 bis 12 Uhr kann jeder, der mag, die neue Schule besichtigen.
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