So lief der Sparkassen-Einbruch ab: Polizei legt neue Ermittlungsdetails vor – WAZ | Westdeutsche Allgemeine Zeitung


Nach und nach geben die Behörden mehr Details zum spektakulären Einbruch in die Sparkasse Gelsenkirchen-Buer bekannt. So berichtete NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstagmorgen in einer Sondersitzung des Landtags erstmals, dass die Tür vom Mitarbeiterparkplatz in der Tiefgarage zum Archivkeller der Sparkasse keine Alarmanlage hat.
„Die Täter nutzten eine nicht alarmgesicherte, augenscheinlich manipulierte Tür, um in einen Archivraum der Sparkasse zu gelangen. Sie setzten dort einen Kernbohrer genau an der richtigen Wand zum Tresorraum an und ließen von 3256 Schließfächern viele ungeöffnet, von denen die meisten nicht belegt sind. Kann natürlich alles Zufall sein“, sagte der Minister, bekräftigte aber seine Vermutung, dass der Einbruch in die Sparkasse mithilfe von Insiderkenntnissen erfolgt sein muss.
Wenige Tage nach der Tat richtete die Polizei Gelsenkirchen eine „Besondere Aufbauorganisation“, kurz BAO, „Bohrer“ ein. In dieser arbeiten jeden Tag 230 Ermittler in Zwölf-Stunden-Schichten daran, den Tathergang zu rekonstruieren, Beweise zu sichern, Spuren zu verfolgen und Zeugen zu vernehmen, berichtet die Behörde. Alle Räume des Polizeipräsidiums in Buer und auch der Wache im Stadtsüden werden dafür genutzt, Besprechungsräume wurden kurzerhand umfunktioniert.
Nach Innenminister Reul gab auch die Polizei am Dienstagmittag neue Details zum Einbruch bekannt. So lasse sich mittlerweile anhand der ausgewerteten Daten sagen, dass die Täter am Samstag, 27. Dezember 2025, um 10.45 Uhr das erste Schließfach im Tresorraum aufbrachen. Die letzte digitale Aufzeichnung der Öffnung eines Schließfaches war um 14.44 Uhr.
„In einer Zeitspanne von mindestens vier Stunden wurden demnach Schließfächer aufgebrochen, der Tresorraum verwüstet und durch die Mitnahme der Inhalte mehr als 3000 Menschen massiv geschädigt“, so die Polizei.
Ob und wie lange die Einbrecher – Reul sprach von fünf bis sieben Tatverdächtigen – zuvor schon in dem Gebäude waren und wie lange sie gebraucht haben, um die Beute abzutransportieren, ist weiter Gegenstand der Ermittlungen. Fest stehe inzwischen aber, dass die vom Parkhaus nicht zu öffnende Fluchttür „manipuliert wurde“. Dadurch sei den Tätern ein ungehinderter Zugang vom Parkhaus in das Sparkassengebäude möglich gewesen.
Im Tresorraum befinden sich 3256 Schließfächer. Fast alle wurden gewaltsam geöffnet, der Inhalt wahllos auf dem Boden entleert und zahlreiche Gegenstände von finanziellem und persönlichem Wert entwendet. Mittlerweile geht die Polizei davon aus, dass sich noch mehrere hunderttausend Gegenstände in dem Raum befinden.
Kriminaltechniker aus ganz NRW sind damit befasst, diese Gegenstände auf Spuren zu untersuchen, zu katalogisieren, fotografisch zu sichern und schließlich sicher aufzubewahren. Um diese Mengen bewältigen zu können, wurden sogenannte Bearbeitungsstraßen eingerichtet.
Zuvor hatte auch schon Sparkassenvorstand Michael Klotz im Exklusiv-Interview mit der WAZ berichtet: „Das ist ein riesiger Berg, der jetzt gemeinsam mit der Polizei und notarieller Begleitung akribisch und mit größter Sorgfalt gesichtet und dokumentiert wird, damit die Kunden ihr Eigentum schnellstmöglich zurückbekommen können. Aber, und das hatte ich eingangs ja schon gesagt, das wird noch seine Zeit brauchen, weil es so viel ist.“
Die Polizei geht davon aus, dass diese Arbeit „voraussichtlich mehrere Monate“ in Anspruch nehmen wird. Die Ermittler bitten alle geschädigten Kunden um Verständnis dafür, dass die Abarbeitung noch andauern wird. Jeder Gegenstand beinhalte die Chance, den entscheidenden Hinweis zu liefern. Daher werde alles akribisch abgearbeitet.
Im Anschluss an die polizeilichen Maßnahmen werden die Gegenstände an Verantwortliche der Sparkasse übergeben. Solange die Polizei noch in dem Tresorraum arbeitet, gilt dieser als Tatort und darf von niemandem betreten werden.
Da der Tresorraum durch die Täter mit verschiedenen chemischen Flüssigkeiten kontaminiert worden ist, mutmaßlich um Spuren zu verwischen, ist die Arbeit für die Ermittlerinnen und Ermittler vor Ort sehr fordernd, heißt es in einer Mitteilung.
Ein wesentlicher Aspekt im Rahmen der Ermittlungen sei weiterhin auch die Kontaktaufnahme und Vernehmung der geschädigten Kundinnen und Kunden.
Bei weit über 3000 Personen erfordert das eine umfangreiche logistische Planung. Jeder Geschädigte wird bei der Polizei vernommen, um Angaben zu den Inhalten der Schließfächer machen zu können. Diese Gespräche können den Ermittlern möglicherweise neue Ansätze liefern, so die Hoffnung der Polizei. Wie genau diese gigantische Befragungswelle ablaufen soll, werde die Polizei bald berichten, heißt es.
„Wir haben es hier mit einem der größten Kriminalfälle in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen zu tun. Meine Behörde, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind sich bewusst, wie groß die Ausmaße dessen sind. Die finanziellen Schäden, die Verunsicherungen und der Frust sitzen tief. Alle Kolleginnen und Kollegen und auch ich tun alles, um die Täter zu überführen“, so Gelsenkirchens Polizeipräsident Tim Frommeyer.
Kriminaldirektor André Dobersch, der den Einsatz als verantwortlicher Polizeiführer leitet, machte indes deutlich, dass er kein Verständnis für die Häme und den Spott habe, der in sozialen Netzwerken mitunter verbreitet wird. „Ich will es deutlich betonen: Wir sprechen hier nicht von Panzerknackern in einem Comic, sondern von Kriminellen, die vielen Schließfachinhabern schlaflose Nächte bereiten und Existenzen zerstört haben. Daher gibt die gesamte Polizei alles, um in dieser beispiellosen Tat Licht ins Dunkel zu bringen.“
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