
Redakteurin Lokal
Gelsenkirchen. Bördi lebte über Jahre auf Gelsenkirchens Straßen – ohne Obdach und mit den Drogen. Warum er auch nach seinem Tod nicht vergessen ist.
Ein kleines Licht erinnert daran, dass ein Mensch nicht mehr da ist. Dazu ein noch kleineres Herz und ein Band mit der Aufschrift: „Jeder Mensch zählt“. Diese drei kleinen Gegenstände sind zuletzt abgelegt worden in direkter Nähe zum Eingang der Aldi-Filiale in der Gelsenkirchener Innenstadt, dort, wo sein angestammter Platz war, wo Bördi immer den Großteil seines Tages verbracht hat. Seit einiger Zeit ist dieser Platz verwaist, oder eingenommen von jemand anderem, der auf ein paar Euro hofft. Eigentlich hätte Bördi, der wirklich Björn heißt, dieser Tage ja auch Geburtstag gehabt. Allein: Erlebt hat er ihn nicht mehr.
Wann genau Bördi gestorben ist, was die konkrete Ursache war, soll nicht Teil dieses Textes sein. Doch eins ist klar: Das zehrende Leben auf der Straße, dazu die Sucht: Bördi lebte polytoxisch, mit Alkohol und den ganz harten Sachen, dazu jahrelang ohne Obdach, schlief nach eigenen Angaben in einer Tiefgarage in der Nähe. Im Rahmen einer Reportage konnte die WAZ Bördi kennenlernen, mit ihm sprechen, im Spätsommer des vergangenen Jahres war das. Bördis Schicksal soll hier stellvertretend für all die anderen unbekannten Gesichter stehen, deren Geschichten meist keine Erwähnung finden.
Im September erzählte uns Bördi, dass es auch mal andere Zeiten ohne Rauschgift gab, in denen er zum Beispiel sein Fachabi gemacht habe. Doch mit den Drogen kam sein Absturz. Zuletzt steckte Bördis ganzes Leben in einem abgegriffenen Reisetrolley: Ein paar Kleidungsstücke, eine Decke, einen Schlafsack, viel mehr besaß er nicht. „Ich habe mein Bett immer dabei“, sagte er damals noch ein wenig scherzhaft. Und diesen ernsten Satz, mit einem leichten Schulterzucken: „Auf der Straße is‘ schon einsam.“
Dass dieser Mann, der gerade einmal 41 Jahre alt wurde, gar nicht so einsam war, wie er dachte, zeigen nicht nur Licht, Herz und Armband. Bördi kannten offensichtlich viele: In der Facebook-Gruppe des Vereins „Warm durch die Nacht“ (WddN) beispielsweise nahmen zahlreiche Menschen Anteil, teils tief betroffen von Bördis Tod. „Wie viele Menschen ihn einfach kannten“, sagt Petra Bec, Vorsitzende von WddN, als wir sie am Telefon erreichen. Für viele sei Bördi ein „freundliches Highlight“ gewesen, an seinem Lieblingsplatz vorm Aldi. „Auch diese Menschen fehlen ja“, stellt Petra Bec fest. Für sie ist vor allem eines ungemein wichtig: „Dass auch sie gesehen werden.“
Das Gedenklicht unweit der Aldi-Filiale hatten übrigens die Streetworkerinnen (ihre Arbeit ist ein Kooperationsprojekt des Vereins „Arzt mobil“ und des Caritasverbands Gelsenkirchen) aufgestellt. Jennifer Ruhnau ist eine von ihnen, sie und ihre Kolleginnen kannten Bördi gut, sahen ihn regelmäßig. Dass er über seinen Tod hinaus diese Aufmerksamkeit erfährt, ist auch für das Streetworkerinnen-Team eine schöne Erfahrung, bei aller Tragik, die dahinter steckt.
Da die Todesursache von Bördi nicht öffentlich bekannt ist, ist demnach auch unklar, ob er zu der Zahl der jährlich erfassten Drogentoten gerechnet werden kann. Den Unterschied erklärt Jennifer Ruhnau: „Hier werden nur die Menschen gezählt, die an einer Überdosierung gestorben sind.“ In der Regel und viel häufiger aber würden die Menschen an den Folgeerkrankungen ihrer Sucht, so zum Beispiel an einer Sepsis oder einem multiplen Organversagen, sterben.
Und wie gehen die Streetworkerinnen und überhaupt das ganze Team von Arzt mobil mit einem solchen Verlust, der ja für sie zur alltäglichen Arbeit gehört, um? In einem älteren Post auf Instagram schreiben sie beispielsweise: „Als Sozialarbeiter:innen stehen wir oft an der Seite von Menschen, die durch Sucht und Wohnungslosigkeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Der Tod dieser Menschen trifft uns tief – persönlich und beruflich.“ Teilweise, so erzählt Jennifer Ruhnau, würden sie auch zu den Bestattungen gehen, „um Abschied zu nehmen und das zu bewältigen“.
Mittlerweile haben sie aber noch einen anderen Weg gefunden: Vor ihrem Büro an der Caubstraße, das neben der Notschlafstelle der Stadt für Männer liegt, steht seit einiger Zeit ein Kunstwerk, in das eine oder gleich mehrere Kerze(n) hineingestellt werden können. Somit leuchtet auch dort ein Licht für die, die in dieser Parallelwelt geprägt von Sucht und Rausch lebten und starben. So wie Bördi.
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Sein Name wird im Sommer noch einmal erwähnt werden, rund um den 21. Juli, dem internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende. Denn dann wird Arzt mobil wieder auf den Heinrich-König-Platz zu Füßen der St. Augustinus Kirche einladen, um an die Verstorbenen zu erinnern.
Weitere Informationen gibt es im Netz unter arztmobil-gelsenkirchen.de oder unter gepa-wddn.ruhr
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