Warum der Tresorraub von Gelsenkirchen für die Menschen so faszinierend ist – Tages-Anzeiger


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Schliessfächer gelten als Symbol von Reichtum und Macht. Werden sie, wie jetzt in Gelsenkirchen, geplündert, löst das eine besondere Faszination aus.
An Heiligabend haben unbekannte Täter in einer Sparkassenfiliale im deutschen Gelsenkirchen fast alle der 3250 Kundenschliessfächer geleert.
Der Einbruch weckt Erinnerungen an einen spektakulären Fall in der Schweiz – und zwar dort, wo Geschichten über Diskretion und Vermögen besonders gern angesiedelt sind: in Genf.
Über Weihnachten 2004 brachen Täter in die «Salle des coffres», den Schliessfachraum, einer Filiale der Banque Cantonale de Genève ein. Nicht durch die Bank, sondern über den Keller des Nachbargebäudes. Zwischen dem 24. Dezember mittags und dem 27. Dezember frühmorgens leerten sie in aller Ruhe 85 von 329 Schliessfächern.
Schliessfachplünderungen sind in der Schweiz allerdings selten. Der letzte bekannte Fall ereignete sich 2018 in der Raiffeisenbank am Aeschenplatz in Basel, in einer Art Selbstbedienungs-Tresoranlage. Der Zugang funktionierte für Kundinnen und Kunden rund um die Uhr per PIN-Code. Das Schliessfach wurde wie ein Lift aus dem Keller heraufgeholt.
Die Täter nahmen die Selbstbedienung wörtlich: Sie verschafften sich Zugang zur vollautomatischen Anlage und räumten 22 Schliessfächer leer. Die Beute: mehr als eine Million Franken. Die Tat blieb unbemerkt, bis ein geschädigter Kunde den Diebstahl der Bank meldete.
Das Schweizer Bankschliessfach regt die Fantasie von Räubern, Schriftstellern und Drehbuchautoren an, seit es existiert.
Im Film «The Bourne Identity» aus dem Jahr 2002 spielt das Schliessfach einer Zürcher Bank eine zentrale Rolle, es enthält alle Zutaten für einen Thriller mit Schweizer Bankbeteiligung: Pass, Geld, Waffe.
Im Comic «Asterix bei den Schweizern» bringt ein Genfer Bankier die Helden in einem Banktresor unter – als wäre der Tresor ein Hotelzimmer, nur sauberer. Der Gag setzt auf ein Stereotyp, das immer wieder funktioniert: die Schweiz als Hort von Ordnung, Diskretion, Schutz des Privateigentums und Sicherheit.
Im November 2023 wurde ein Kunde beim Besuch seines Schliessfaches in der UBS-Filiale am Zürcher Bellevue im Tresorraum eingesperrt.
Im Juli 2019 öffnete in der UBS an der Zürcher Bahnhofstrasse eine Gruppe von Literaturwissenschaftlern und Anwälten vier Schliessfächer – und entnahmen ihnen einen literarischen Schatz: die Manuskripte von Franz Kafka.
2007 beschlagnahmte die Zürcher Staatsanwaltschaft Kunstwerke von Monet, Pissarro und anderen aus einem Banksafe der Zürcher Kantonalbank. Der Münchner Kunsthändler Bruno Lohse hatte dort jahrzehntelang Nazi-Raubkunst versteckt.
Anfang 2025 gab die Schweiz 182 Millionen Dollar an Usbekistan zurück. Das Geld war in einem Strafverfahren gegen Gulnara Karimova, die Tochter des ehemaligen usbekischen Präsidenten, beschlagnahmt worden. Zum Teil war es in Genfer Bankschliessfächern versteckt worden.
Trotz seiner weltweiten Bekanntheit ist das Schliessfach eher Nebengeschäft als Goldgrube. Eine Umfrage der Wirtschaftssendung «Eco» von SRF zeigte, dass es zwar über 500’000 Schliessfächer gibt. Aber die durchschnittliche Auslastung liegt bei nur rund 53 Prozent. Bau, Unterhalt und Betreuung sind teuer und das Geschäft nur knapp kostendeckend.
Doch für das Image des Finanzplatzes spielt das Schliessfach eine Rolle, die seine wirtschaftliche Bedeutung übersteigt.
Vor rund zehn Jahren forderten politische Vorstösse, dass die Werte in Schliessfächern deklariert werden müssten. Aufwand und Nutzen stünden in keinem Verhältnis und auch Nicht-Banken würden Schliessfächer anbieten, lautete die Gegenposition, die sich letztlich durchsetzte. 
Das Thema hat an Brisanz eingebüsst, weil das Bankgeheimnis inzwischen stark eingeschränkt wurde und mit Kryptowährungen geeignetere Instrumente für Kriminelle und Steuerhinterzieher zur Verfügung stehen. 
Eine kurze Renaissance erlebte das Schliessfach nach Einführung der Negativzinsen im Januar 2015. Um dem Strafzins zu entgehen, bunkerten viele Bankkunden Bündel von Tausendernoten in Schliessfächern. Gemäss dem Finanzvergleichsdienst Moneyland bietet ein kleines Schliessfach ungefähr Platz für 3000 Tausendernoten – also rund 3 Millionen Franken. 
Bankenplatz Schweiz
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