
Am 13. August 2026 wird die Veltins-Arena 25 Jahre alt. Olivier Kruschinski war schon dabei, als sie noch Beton, Bohrpfähle und Baulärm war: Als Student führte er Fans über die Baustelle auf dem Berger Feld. Ein Gespräch über Helme, Gummistiefel, Rudi Assauer – und über die Frage seines Kindes, die alles wieder hochholte.
Herr Kruschinski, Ihr Kind hat Ihnen eine Frage gestellt, die Sie ins Jahr 2000 zurückgeworfen hat. Welche?
„Papa, was war eigentlich der coolste Job, den du je gemacht hast?“ Eine Frage nur, eigentlich ganz harmlos. Trotzdem musste ich einen Moment überlegen. Meinen heutigen Job konnte ich schlecht nennen, das wäre zu einfach gewesen. Also ging meine Erinnerung zurück ins Frühjahr 2000.
Was war damals?
Ich steckte mitten im Studium an der Ruhr-Universität Bochum. Eines Tages hing bei uns am Geografischen Institut ein unscheinbarer Aushang. Gesucht wurden Studenten für „den Aufbau eines touristischen Angebots“ im Ruhrgebiet. Ich bewarb mich ins Blaue.
Und dann?
Plötzlich war ich mittendrin in einem Traum. Es ging um ein Projekt, das damals kaum jemand greifen konnte: Gesucht wurden Gästeführer für die Arena auf Schalke. Für eine Arena, die noch eine riesige Baustelle im Rohbau war. Das Casting zu „Schalke sucht den Superstar“ folgte umgehend, und ich bekam den Job. Schalke konnte ich. Dann ging alles ganz fix: Seminar, Lehrgang, Zertifizierung – und schon schrieb ich mein erstes eigenes Drehbuch für eine Arena-Tour. Da stand ich nun. Mit meinem Skript. Vor einer ziemlich nackten Baustelle. Ich sollte Menschen etwas erklären, das es in dieser Form noch gar nicht gab. Einen Ort, den man noch nicht sehen konnte.
Was wollten die Besucher wissen?
Alles. Wie funktioniert die Bierpipeline? Wie die Rasenwanne? Wie bewegt sich das Dach? Wo ist mein Block, wo werde ich sitzen? Was ist eine Knappenkarte, was ein Entfluchtungskonzept? Kapelle? Mundlöcher? Und wie erklärt man eine Tribüne, die selbst heute noch für manchen Besucher ein technisches Rätsel ist? Ich habe mich einfach in dieses Abenteuer gestürzt. Die ersten Touren begannen noch am Charlys Schalker. Veranstalter war übrigens nicht Schalke 04 selbst, sondern ein Anbieter namens „Tour de Ruhr“. An manchen Wochenenden führte ich vier, fünf oder sogar sechs Gruppen am Tag. Für einen Studenten war das ein Traum.
Das Interesse war also sehr groß?
Es war eine besondere Zeit. Schalke spielte auf dem Rasen traumhaften Fußball, und im Hintergrund wuchs eine neue Heimat für die Tradition. Zigtausende wollten sehen, was da auf dem Berger Feld entsteht. Einen Schalke-Hype gab es also auch schon vor 25 Jahren. Mit jedem Baufortschritt veränderte sich unsere Arbeit. Neue Wege entstanden, neue Geschichten, neue Fragen, neue Drehbücher. Immer wieder tauchte Rudi Assauer mit seinem Baustellenhelm auf und sah nach dem Rechten. Ich durfte das aus nächster Nähe miterleben: Menschen durch eine Baustelle führen und ihnen die Zukunft zeigen.
Dann kam die Eröffnung.
Bis dahin war ich hunderte Male durch die Arena gelaufen, kannte jede Ecke, jeden Winkel. Ich hatte Tausende Fotos gemacht und jeden Baufortschritt dokumentiert. Aber ich wusste nicht, was passiert, wenn sie zum ersten Mal wirklich voll ist.
Und?
Dann betrat ich sie. Und sie war voll. Proppenvoll. Bis auf den letzten Platz. Diesen Moment vergesse ich nie. Ich war erschlagen, erdrückt, ergriffen. Und ja – ich hatte Tränen in den Augen. Aus Beton, Bohrpfählen, Plänen und unseren Erklärungen war ein lebendiger Ort geworden. Aus einer Baustelle „unsere“ Arena. Ich habe noch viele Jahre Menschen durch die – dann – Veltins-Arena begleitet, neue Tourformate entwickelt und neue Drehbücher geschrieben. Immer intensiver ging es mir darum, das zu vermitteln, was ich damals die Schalke-DNA zu nennen begann. Meine Arbeit verlagerte sich dann stärker zu Schalke selbst. Dort bin ich bis heute aktiv.
Werden Sie noch auf die Touren angesprochen?
Ja. Menschen sagen mir: „Olli, du warst doch damals unser Tour-Guide!“ Dann stellt sich heraus, dass wir uns vor Jahren auf einer Baustellenführung kennengelernt haben. Manche erinnern sich an Details, die ich längst vergessen hatte. Und dann gibt es natürlich noch eine Frage, die ich bis heute immer wieder höre: „Olli, warum eigentlich Donnerhalle?“ Die Wortschöpfung hatte zunächst gar nichts mit Fußball zu tun. Sie entstand vielmehr durch die unglaubliche Lautstärke und Akustik bei den ersten Konzerten. Eine kleine Geschichte innerhalb einer großen Geschichte.
Nun wird die Arena 25. Werden Sie da nostalgisch?
Unglaublich – 25 Jahre soll das her sein? Und natürlich bin auch ich 25 Jahre älter geworden. Für meine Kinder ist die Arena längst ein alter Bekannter, ein Gebäude, das einfach dazugehört. So wie für mich damals das Parkstadion. Für mich ist das anders: Wenn ich die Arena sehe, bekomme ich Herzklopfen. Ich sehe eine alte Lady und denke an die junge Dame, die noch keine Geschichte hatte.
Und die Antwort auf die Frage Ihres Kindes?
Die habe ich jetzt. Es war der Job, den mir ein unscheinbarer Aushang an der Ruhr-Uni beschert hat. Er führte mich auf eine Baustelle, zu unzähligen Menschen und an einen Ort, der für mich längst mehr ist als ein Stadion. 25 Jahre Arena, 25 Jahre Fußball, Konzerte, Emotionen, Begegnungen. Irgendwo in dieser großen Geschichte gibt es ein klitzekleines Kapitel, das für immer mit mir verbunden ist. Ich war dabei, als sie begann. Der coolste Job der Welt.
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