Gelsenkirchen unter der Haut: Stadt fördert Tattoo-Projekt – WAZ | Westdeutsche Allgemeine Zeitung


Gelsenkirchen. Melina Di Febo tätowiert Motive aus Gelsenkirchen – die Stadt zahlt die Hälfte. Bis zum 22. Juni kann man am Projekt „Stadtstiche“ teilnehmen.
Ungewöhnlich ist das allemal: Wer sich bei Melina Di Febo mit seinem Lieblingsmotiv aus Gelsenkirchen meldet, dem sticht die Tätowiererin aus Beckhausen ein Stück Heimatliebe unter die Haut – und die Hälfte der Kosten dafür zahlt die Stadt Gelsenkirchen. Die nämlich kooperiert mit der jungen Kreativen und deren Projekt „Stadtstiche“, für das man sich noch bis Sonntag, 22. Juni, melden kann.
Seit 2017 ist Melina Di Febo als Tätowiererin tätig und beobachtet seither: „Ich habe immer wieder Kunden, die lassen sich ein Stück Heimat tätowieren. Das sind, je nach deren Herkunft, sehr schöne, idyllische Motive.“ Zum Beispiel aus den Bergen oder von der See. Aus Gelsenkirchen gebe es die nicht. Auf den ersten Blick zumindest. Und von dem Schalke-Logo oder Schlägel und Eisen einmal abgesehen: „Es gibt ja nicht nur die ikonischen Motive, sondern auch persönliche, ganz besondere Orte. Mich hat interessiert, wie sehen die Menschen unsere Stadt? Was sind ihre Herzens-Orte?“
So sei sie auf die Idee zum Kunstprojekt gekommen, mit dem sie sich eigentlich um das Stipendium zur künstlerischen Forschung der Stadt Gelsenkirchen beworben hatte. „Aber dafür war mein Projekt zu umfangreich. Deswegen hat mir die Stadt die Kooperation angeboten.“ Ganz konkret trage die Kommune nun für 46 „Stadtstiche“ die Hälfte der Kosten. Dabei sind Größe und Format festgelegt. „Ich habe einen Rahmen entwickelt, der ist 10 mal 5 Zentimeter groß. Durch diesen fotografiert man sein Wunschmotiv und schickt es mir. Das finde ich ganz passend, denn so hat das schon etwas von einem Bilderrahmen.“
Noch ein paar Tage können sich Interessierte mit ihren Wunschmotiven melden. Etliche Menschen haben das auch schon getan. Mit zum Teil ganz berührenden Bildern und Geschichten, verrät Melina Di Febo. „Eine Frau hat den Baum fotografiert, unter dem ihre Freie Trauung stattgefunden hat.“ Zudem sei unter den Einsendungen ein Bild von der Rungenberghalde oder der Flutlichtmast des ehemaligen Parkstadions.
Ehemann und Musiker Chris Di Febo hat sich von seiner Frau das erste Motiv stechen lassen und damit, quasi, den Probelauf mitgemacht. Sein Motiv: „Der Bunker an der Steinmetzstraße. Dort war mein erster Proberaum und ich werde nie vergessen, wie ich immer den schweren Verstärker für meine Gitarre dort hochgetragen habe.“
Heute, erzählt er, sei er Berufsmusiker und das Bild erinnere ihn an seine Anfänge. Die Tätowierung hat er seit rund drei Wochen auf seinem Unterarm und erinnere sich dadurch häufiger als zuvor. „Das macht schon etwas aus“, sagt er und ist glücklich mit diesem besonderen Stück Erinnerungskultur.
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So erlebt es auch Melina Di Febo. „Das Feedback bekomme ich von vielen Menschen. Zum Beispiel von meinen Eltern. Die würden sich nie eine Tätowierung stechen lassen. Aber sie laufen im Moment viel mit meinen Rahmen durch die Stadt und schauen sie durch die hindurch anders an. Das schärft den Blick für die schönen Ecken“, so die 35-Jährige. Sie hofft, dass sie ein bisschen dazu beitragen kann, dass sich Menschen (noch) mehr mit ihrer Stadt identifizieren können.
Wer sich einen der „Stadtstiche“ für sich selbst sichern möchte, findet alle Informationen zum Projekt und auch den Rahmen für das eigene Bild unter stadtstiche.de. Eine Tätowierung kostet 150 Euro. Die Tätowierungen werden im Juli in einem Gelsenkirchener Studio gestochen. Im September gibt es im Ückendorfer „Hier ist nicht da“ eine Ausstellung, die alle entstandenen Motive zeigt. Zum Abschluss findet dort am Samstag, 20. September, ein Tattoo-Tag statt, bei dem Melina Di Febo noch ein paar „Stadtstiche“ tätowiert.
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