Gelsenkirchen: Was einem als Erstes auffällt – wenn man neu ankommt – DerWesten


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Wer zum ersten Mal nach Gelsenkirchen kommt, erlebt eine Stadt voller Widersprüche: Industriegeschichte, Blau-Weiß-Stolz und echter Ruhrpott-Charakter.
Wer zum ersten Mal nach Gelsenkirchen fährt, kommt selten neutral an. Die Stadt trägt einen Ruf vor sich her, der schwer wiegt. Ärmste Stadt Deutschlands, Strukturwandel, Leerstand – das sind die Schlagworte, die man im Kopf hat, bevor man überhaupt aussteigt. Doch dann sieht man etwas anderes. Oder zumindest: mehr.
Gelsenkirchen ist eine Stadt im Ruhrgebiet mit rund 260.000 Einwohnern. Sie ist groß geworden mit Kohle, Eisen und Stahl. Und als diese Industrien verschwanden, blieb die Stadt zurück – mit all dem, was davon übrig ist: Gebäuden, Geschichten und Menschen, die sich damit arrangiert haben.
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Das Erste, was einem im Stadtbild auffällt, ist die Mischung aus Epochen. Schmale Backsteinhäuser aus den Zwanzigern stehen neben kargen Nachkriegsblöcken. Dazwischen tauchen immer wieder leere Ladenfronten auf. Leerstand ist in Gelsenkirchen kein Randphänomen, sondern sichtbarer Alltag.
Gleichzeitig gibt es Stellen, die überraschend wirken. Grünflächen mitten in dichten Wohnvierteln, aufwendig sanierte Fassaden in Seitenstraßen, Neues neben Altem. Die Stadt wirkt nicht einheitlich – und das ist womöglich ihre ehrlichste Eigenschaft.
Spätestens beim zweiten Blick durch das Busfenster wird es deutlich: Gelsenkirchen ist Schalke-Stadt. Fahnen hängen aus Fenstern, Aufkleber kleben an Laternen, blaue Schals liegen in Kneipenregalen. Der FC Schalke 04 ist hier kein Fußballverein im üblichen Sinne.
Er ist eher ein Referenzpunkt für das Selbstverständnis der Stadt. Kein anderer Verein in Deutschland verbindet sportliche Leidenschaft so eng mit regionaler Identität wie der FC Schalke 04. Königsblau ist in Gelsenkirchen mehr als ein Vereinszeichen – es ist ein Lebensgefühl, das über Generationen weitergegeben wird.

Wer mit Einheimischen redet, hört zwei Dinge gleichzeitig: Frustration über fehlende Perspektiven und Stolz auf die eigene Stadt. Beides ist echt. Gelsenkirchen gilt als einkommensärmste Stadt Deutschlands. Laut einer Studie der Statistischen Ämter der Länder stehen den Einwohnern im Schnitt nur rund 16.274 Euro im Jahr zur Verfügung – weit unter dem bundesweiten Durchschnitt.
Trotzdem wäre es falsch, die Stadt allein durch diese Zahl zu beschreiben. Der Wissenschaftsparkmanager Hans-Peter Schmitz-Borchert sagte gegenüber „Deutschlandfunk Kultur“: „Ich glaube, Gelsenkirchen ist eine maximal unterschätzte Stadt. Man lebt hier gut.“ Das sagt jemand, der die Schattenseiten der Stadt genau kennt.
Das Stadtbild trägt die Geschichte offen zur Schau. Ehemalige Zechensiedlungen prägen ganze Stadtviertel, ihre kompakten Reihenhäuser mit kleinen Vorgärten stammen aus einer Zeit, als Bergbauunternehmen Wohnraum für ihre Arbeiter bauten. Manche dieser Siedlungen sind gut erhalten und haben heute sogar einen gewissen Charme.
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Der Nordsternpark ist das bekannteste Beispiel dafür, wie die Stadt mit ihrer Vergangenheit umgeht. Auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Nordstern, die 1993 die Förderung einstellte, entstand zur Bundesgartenschau 1997 ein weitläufiger Park. Heute liegen Amphitheater, Gewerbepark und Grünfläche direkt nebeneinander – Industriekultur trifft auf Naherholung.
Wer sich länger in der Stadt aufhält, merkt, dass das Wichtigste kein Gebäude ist. Es sind die Menschen. Die Mentalität im Ruhrgebiet gilt gemeinhin als direkt, herzlich und ohne große Umschweife. Wer fragt, bekommt eine Antwort. Wer zu Besuch ist, wird nicht ignoriert.
Thomas Wesselborg, ehemaliger Kneipenwirt aus Gelsenkirchen, brachte es gegenüber „Deutschlandfunk Kultur“ auf den Punkt: „Gelsenkirchen macht die Menschen aus und die Treffen und die freundschaftliche Verbundenheit und der Zusammenhalt.“ Solche Aussagen hört man in der Stadt öfter, als man erwartet.
Die Stadt ist ausgesprochen bunt. Jahrzehntelang zog Gelsenkirchen Arbeitsmigration an – zunächst aus dem Ruhrgebiet selbst, später aus ganz Europa und darüber hinaus. Heute lebt in manchen Stadtteilen wie Schalke oder Bulmke-Hüllen ein erheblicher Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.
Das prägt Alltagskultur, Gastronomie und das soziale Gefüge. Wer durch die Einkaufsstraßen der Innenstadt läuft, hört viele Sprachen, sieht viele Küchen und bemerkt, dass die Stadt in ihrer Zusammensetzung komplexer ist, als ihr Image vermuten lässt.
Gelsenkirchens Oberbürgermeisterin Andrea Henze setzt auf den Leitsatz des „Aufstiegs“, konkret fokussiert auf Bildung, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ihr Ziel ist es, Gelsenkirchen durch soziale und innovative Ansätze voranzubringen.
Was bleibt, wenn man Gelsenkirchen das erste Mal besucht? Der Eindruck einer Stadt, die mehr Substanz hat, als ihr Ruf ihr zugesteht. Eine Stadt, die altert und sich gleichzeitig neu erfindet. Und Menschen, die stolz auf das sind, was sie haben – auch wenn andere das nicht immer verstehen.
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