Welche NRW-Stadt hat den schlechtesten Ruf – und stimmt er? – DerWesten


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Gelsenkirchen gilt als ärmste Stadt Deutschlands, Duisburg-Marxloh als No-Go-Zone. Aber stimmt das wirklich? Ein Faktencheck über Ruf, Realität und Ruhrgebiet.
Gelsenkirchen, Duisburg, Herne – im Ruhrgebiet hat so mancher Stadtname einen schweren Stand. In Studien landen diese Städte regelmäßig auf den letzten Plätzen, in sozialen Netzwerken kursieren Witze über Tristesse und Verwahrlosung. Doch was steckt wirklich hinter dem Image? Und wo endet die Statistik, wo beginnt das Klischee?
Eines vorab: Das Ruhrgebiet leidet nicht unter einem einzigen schlechten Ruf, sondern unter einem ganzen Bündel davon. Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität – diese Begriffe kleben an mehreren Städten gleichzeitig. Dieser Artikel schaut genauer hin, welche Stadt den härtesten Ruf trägt, was daran stimmt und was übertrieben ist.
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In einer Studie, die das ZDF in Auftrag gab, landete Gelsenkirchen auf dem letzten Platz – von 401 untersuchten Kreisen und Städten in Deutschland. Bewertet wurden Grundbedürfnisse wie Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Sicherheit und Erholung. Die vier Schlusslichter kamen alle aus dem Ruhrgebiet: Gelsenkirchen, Herne, Duisburg und Oberhausen.

Das trifft die Stadt hart – zumal es kein Ausreißer ist. Gelsenkirchen trägt dieses Etikett seit Jahren mit sich. Etwa 260.000 Menschen leben hier, und viele von ihnen spüren die strukturellen Probleme im Alltag direkt.
Zum Jahresende 2024 lebten in Gelsenkirchen 58.015 Menschen von Mindestsicherungsleistungen. Das entspricht einer Quote von 21,7 Prozent, wie die WAZ berichtet. Im NRW-Durchschnitt liegt dieser Wert bei 11,1 Prozent. Damit ist in Gelsenkirchen nahezu jeder fünfte Einwohner auf staatliche Unterstützung angewiesen.
Besonders auffällig ist die generationenübergreifende Betroffenheit: 18.019 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren beziehen Sozialleistungen. Das hat Folgen weit über die Kindheit hinaus – schlechtere Bildungschancen und ein erhöhtes Risiko, selbst arm zu bleiben, sind statistisch gut dokumentiert.
Die Antwort liegt in der Geschichte. Gelsenkirchen war einmal das Zentrum des deutschen Steinkohlebergbaus. Mehr als 30 Zechen prägten die Stadt, gaben Zehntausenden Arbeit und sorgten für Wohlstand. Als der Bergbau endete, brach diese wirtschaftliche Basis weg – und nichts Gleichwertiges trat an die Stelle.
Die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2025 bei 15,2 Prozent, der Bundesdurchschnitt liegt bei etwa 6 Prozent. Die Kaufkraft pro Einwohner ist nach wie vor die niedrigste aller deutschen Großstädte. Der Strukturwandel war schlicht zu abrupt, zu tiefgreifend und wurde politisch zu lange unterschätzt.
Wer die Menschen in Gelsenkirchen fragt, bekommt ein gespaltenes Bild. Viele Einwohner verteidigen ihre Stadt vehement, verweisen auf Nachbarschaftszusammenhalt, günstige Mieten und kulturelle Angebote wie das Musiktheater im Revier. Andere stimmen der Kritik zu – sehen aber auch, dass die Probleme real und nicht wegzudiskutieren sind.
„Schlechte Ecken findest du überall“, schrieb eine Einwohnerin, die seit 61 Jahren in Gelsenkirchen lebt, in einem Onlineforum. Diese Haltung ist typisch für viele hier. Der Stolz auf die eigene Stadt und das nüchterne Wissen um ihre Schwächen existieren nebeneinander.
Gelsenkirchen ist die ärmste Stadt – doch Duisburg hat den dramatischeren Ruf. Genauer gesagt: der Stadtteil Marxloh im Norden der Stadt. Allein der Name genügt, um Debatten über Clankriminalität, gescheiterte Integration und staatliches Versagen loszutreten.
Rund 22.000 Menschen leben in Marxloh auf 7,58 Quadratkilometern, zwischen Altbauten, Industriegebieten und Brautmodenläden. Was davon Realität ist und was Projektion – das hat DerWesten in einem ausführlichen Faktencheck untersucht.
Das Etikett „No-Go-Area“ klebt an Marxloh, stimmt aber in dieser Absolutheit nicht. Ein Polizist, der seit Jahren im Stadtteil Streife fährt, sagte klar: „Marxloh ist keine No-Go-Area.“ Rein statistisch ist die Kriminalitätsrate in Marxloh nicht höher als in der Duisburger Innenstadt.
Trotzdem: Die Herausforderungen vor Ort sind real. Einsätze können eskalieren, wenn Großfamilien beteiligt sind. Zeugen schweigen aus Angst, die Strafverfolgung gestaltet sich schwierig. Drei kriminelle Clans sind laut Polizei aktiv – hauptsächlich Angehörige der sogenannten Mhallami-Kurden, die in Drogenhandel und Schutzgelderpressung verwickelt sein sollen.
Wer jeden Träger eines bestimmten Nachnamens in Marxloh als Kriminellen betrachtet, liegt falsch. Der zuständige Bezirksbeamte betont ausdrücklich: Die meisten Menschen mit türkisch-arabischen Wurzeln führen ein völlig normales Leben. Das BKA schätzt, dass bundesweit rund 200.000 Menschen solchen Großfamilien angehören.
Die kriminellen Strukturen entstanden auch deshalb, weil Staatenlose jahrelang keinen regulären Zugang zum Arbeitsmarkt hatten. Das schuf ein Vakuum, das kriminelle Netzwerke füllten. Dieses systemische Problem lässt sich nicht auf einzelne Personen oder Herkunftsgruppen reduzieren.
Die Stadt reagiert mit erheblichem finanziellem Einsatz. Insgesamt fließen 50 Millionen Euro in Marxloh und den Nachbarstadtteil Alt-Hamborn – 25 Millionen vom Bund, 15 Millionen vom Land NRW, zehn Millionen von der Stadt selbst. Unter dem Stichwort „Arrival City“ soll Marxloh zu einem offiziellen Ankunftsstadtteil werden.
Ein konkretes Ergebnis dieser Investitionen ist der Campus Marxloh: ein viergeschossiges Bildungs- und Begegnungszentrum für 18 Millionen Euro. Rund 50 Räume stehen täglich von 7:30 bis 21 Uhr offen – für Sprachkurse, Sozialberatung, Talentförderung und Sport. 30 verschiedene Träger betreiben das Angebot gemeinsam.
Der Ruf von Gelsenkirchen und Duisburg-Marxloh hat eine reale Grundlage. Die Zahlen zur Armut, zur Arbeitslosigkeit und zur sozialen Belastung sind nicht erfunden. Wer diese Städte als Traumdestinationen verkauft, lügt. Wer sie aber als hoffnungslose Problemfälle ohne jede Substanz abtut, lügt genauso.
Beide Orte kennen Menschen, die seit Generationen dort verwurzelt sind und ihren Alltag mit Würde gestalten. Beide Orte haben Kultureinrichtungen, engagierte Bürger und konkrete Entwicklungsprojekte. Der schlechte Ruf ist in Teilen berechtigt – in seiner medialen Zuspitzung aber oft weit von der Wirklichkeit entfernt.
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Kurzfristige Schlagzeilen lösen die Probleme nicht. Was Gelsenkirchen und Duisburg-Marxloh brauchen, ist strukturelle Politik: bessere Bildungsangebote, gezielte Arbeitsmarktprogramme und langfristige Investitionen, die nicht nach Wahlkampfzyklen getaktet werden. Das ist bekannt – und trotzdem zu selten die Realität.
Das Ruhrgebiet hat Jahrzehnte gebraucht, um in diese Lage zu geraten. Es wird Jahrzehnte brauchen, um herauszukommen. Wer das versteht, sieht diese Städte nicht mehr nur als schlechte Nachrichten – sondern als ein gesellschaftliches Experiment, dessen Ausgang noch offen ist.
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