
Silke Stritter blickt auf ihren Laptop und durchforstet eine Datenbank. Ihr gegenüber sitzt Houda Marouani – mit einem erwartungsvollen Blick. Die 48-Jährige ist an diesem Vormittag zur Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen gekommen. Sie hat das Ladenlokal in der Innenstadt betreten, an einem runden Holztisch Platz genommen und ihre Daten angegeben. Jetzt möchte sie herausfinden, wo sie sich einbringen kann.
Dass Houda Marouani gerne mit Senioren arbeiten möchte, hat sie der ehrenamtlichen Beraterin bereits erzählt. „Da haben wir doch schon ein paar passende Angebote“, sagt Silke Stritter.
Sie fragt nach, hört zu und sucht mit der Interessierten nach einer Aufgabe, die zu ihr passt. Für Marouani findet sie eine erste Spur: ein Seniorenzentrum an der Grenzstraße. „Da können Sie mit älteren Menschen spazieren gehen oder im Café der Einrichtung mithelfen“, erklärt Silke Stritter. „Schauen Sie mal, ob es Ihnen vor Ort gefällt, und dann sprechen wir in drei, vier Wochen.“ Dann verabschieden sich die beiden Frauen.
Silke Stritter hat in den Räumen der Ehrenamtsagentur schon mehr als 100 solcher Gespräche geführt. Die 62-Jährige kennt auch das Gefühl, nach einer neuen Aufgabe zu suchen. Silke Stritter arbeitete lange Zeit als Kommunikationsberaterin. Nach der Selbstständigkeit wollte sie nicht nur die freie Zeit genießen, sondern Menschen treffen und ihre Erfahrung aus dem Berufsleben einbringen. Also schaute sie sich bei der Ehrenamtsagentur um. Sie erfuhr, dass der Verein Unterstützung in der Beratung benötigte. „Ich habe mich dort vorgestellt und gesagt, dass ich möglicherweise die Richtige für diesen Job bin. Glücklicherweise bin ich auf offene Ohren gestoßen und kann seitdem meine Berufs- und Lebenserfahrung hier einbringen.“
Heute sitzt sie einmal pro Woche in der Agentur, pflegt die Datenbank und führt Beratungsgespräche. Besonders freut sie, wenn daraus eine konkrete Perspektive entsteht. Wie bei einem Mann, der zu ihr kam, weil er aus persönlichen Gründen nicht mehr arbeiten konnte. „Im Gespräch habe ich schnell gemerkt, dass er die nötige Empathie für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen mitbringt“, erzählt Silke Stritter. Sie vermittelte ihn an eine Jugendeinrichtung in Ückendorf. Dort passte es sofort. Später meldete sich der Mann noch einmal und erzählte, wie glücklich er mit seiner neuen Aufgabe sei. „Der hatte so einen Spaß, dass er da untergekommen war“, sagt Stritter. „Das hat mich wirklich gefreut.“
In der Tür der Beratungsagentur steht mittlerweile Brigitte Ebbert. Auch sie hat an diesem Vormittag einen Termin. Lena Uppenkamp kommt die Treppe herunter, begrüßt die Besucherin und bietet ihr einen Platz am runden Holztisch an. Sie ist die stellvertretende Geschäftsführerin der Ehrenamtsagentur. Auch Uppenkamp führt Beratungsgespräche mit Menschen, die sich engagieren möchten. Sie hört zu, fragt nach und schaut, welche Möglichkeiten zu den jeweiligen Erfahrungen und Interessen passen.
Ehrenamtsagenturen und Freiwilligenagenturen gibt es in vielen Städten in Nordrhein-Westfalen. 130 Agenturen sind organisiert in einer Landesarbeitsgemeinschaft, die alle Kontaktdaten auf ihrer Homepage bündelt: https://www.lagfa-nrw.de.
Die Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen e.V. bringt seit 2006 Menschen und Organisationen zusammen. Das Team berät rund um das Ehrenamt und unterstützt Vereine und Initiativen mit Qualifizierungsangeboten. Geschäftsführer ist Sebastian Westphal, stellvertretende Geschäftsführerin Lena Uppenkamp. Viele Ehrenamtliche unterstützen die Arbeit.
Die Agentur bietet auch Fortbildungen an – etwa zu Vereinsrecht, Finanzen oder organisatorischen Fragen. Sie kümmert sich um die Ehrenamtskarte und führt Projekte wie die „Gießkannenhelden“ und den „Heldenpass“ durch. Damit stärkt sie das freiwillige Engagement in Gelsenkirchen.
Wer sich informieren möchte, kann montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr und freitags von 10 bis 12 Uhr vorbeikommen. Termine sind auch nach Vereinbarung möglich. Weitere Informationen: https://ehrenamt.gelsenkirchen.de/
Wieder beginnt die Suche nach dem richtigen Platz. Ebbert möchte sich engagieren, weiß aber noch nicht genau, wohin der Weg führen soll. Beruflich ist die 71-Jährige noch aktiv: An einem Berufskolleg unterrichtet sie als Lehrerin für Pflegeberufe. Trotzdem denkt Ebbert bereits darüber nach, was danach kommen könnte. „Ich habe schon mal so dran gedacht: Was kann ich demnächst noch machen, außer zu Hause zu sitzen und zu stricken?“, sagt sie.
Ebbert bringt viel Erfahrung mit. 18 Jahre arbeitete sie in der ambulanten Pflege, später bildete sie Pflegekräfte aus. Helfen gehörte für sie aber nie nur zum Beruf. Sie kümmerte sich um Nachbarn, unterstützte Angehörige und sprang ein, wenn jemand Hilfe brauchte.
Uppenkamp hört genau hin. Der Bereich Senioren liegt nahe, schließlich kennt Ebbert ihn aus vielen Jahren Berufserfahrung. „Aber Hospizarbeit ist nichts für mich, da würde es mir schwerfallen, Abschied zu nehmen“, sagt sie. Die Beraterin erzählt ihr von einem Spazierangebot für Menschen mit und ohne Demenz. Auch Kochen könnte zu ihr passen: Demnächst unterstützen Ehrenamtliche junge Erwachsene während einer Einführungswoche zum Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“. Ebbert könnte für die Gruppe das Mittagessen vorbereiten.
+++ Die Digitale Sonntagszeitung ist für alle Zeitungsabonnenten kostenfrei. Hier können Sie sich freischalten lassen. Sie sind noch kein Abonnent? Hier geht es zu unseren Angeboten. +++
„Ich bin berühmt für meine Eintöpfe“, sagt sie und lacht. Eine Entscheidung trifft sie an diesem Tag noch nicht. Aber sie verlässt die Ehrenamtsagentur mit mehreren Ideen – und mit einem guten Gefühl. Ebbert weiß, dass sie gebraucht wird.
Kennen Sie schon unsere PLUS-Inhalte?
Jetzt testen
Kennen Sie schon unsere PLUS-Inhalte?
Jetzt testen
Aktuelle Nachrichten und Hintergründe aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport – aus Essen, Deutschland und der Welt.
Kennen Sie schon unsere PLUS-Inhalte?
Jetzt testen
Antworten