
Stiller kann es an diesem Morgen im Untergeschoss der Gesamtschule Ückendorf (GSÜ) im Süden Gelsenkirchens nicht sein. Kein Mensch ist in den Gängen neben der Mensa zu sehen, alle Türen sind geschlossen, an den großen Flügeltüren hängen Zettel, auf denen in großen Lettern steht: „Abitur! Bitte Ruhe!“
Drinnen aber – hinter einer dieser Türen – tut Raghad Raad das, was nicht viele Schüler unbedingt gerne freiwillig tun: Sie hat sich zu einer mündlichen Abiturprüfung angemeldet, die sie gar nicht mehr ablegen müsste. Denn sie hat ihr Abitur längst bestanden, mit dem schon jetzt großartigen Durchschnitt von 1,6. Doch das reicht noch nicht, deswegen geht Raghad in die mündliche Nachprüfung ihres Mathematik-Leistungskurses. Wenige Tage später wartet das Gleiche noch einmal im Biologie-LK auf sie.
Die 21-Jährige hat ein klares Ziel vor Augen: Sie will Medizin studieren, am liebsten in Bochum oder an der Uni Duisburg/Essen. Aber: Bundesweit ist der Studiengang Humanmedizin zulassungsbeschränkt, zumeist gilt ein Numerus Clausus von 1,0 bis 1,2 – abhängig vom Studienort. Also hat Raghad sich zum Ziel gesetzt, um jeden Extrapunkt zu kämpfen.
Als Zehnjährige kam die Abiturientin mit ihrer Familie von Syrien nach Deutschland: „Ich war auf vielen Schulen und dort immer die Klassenbeste“, erzählt sie vom Start ihrer Schullaufbahn in Baden-Württemberg und ihrem Abschluss an der Gertrud-Bäumer-Realschule unweit der Gelsenkirchener Innenstadt.
Schon früh war ihr klar, dass sie eine Oberstufe besuchen und ihr Abitur ablegen möchte. Die junge Frau, die mit ihrer Familie in Schalke lebt, hat sich umgeschaut und dann recht schnell für die GSÜ entschieden: „Hier habe ich mich am wohlsten gefühlt, vor allem, weil ich so gut aufgenommen wurde.“ Eine große Stütze sei dabei eine ihrer Lehrerinnen gewesen, erzählt sie weiter.
Das war für Raghad sehr wichtig, wie sie sagt, denn: „Ich bin die Erste aus meiner Familie, die Abitur in Deutschland macht. Ich kann niemanden fragen oder um Hilfe bitten.“ Umso mehr hat sie sich über die Unterstützung ihrer Lehrerin und auch der anderen GSÜ-Lehrer gefreut.
Nach der ersten mündlichen Nachprüfung wirkt die Abiturientin erleichtert: „Es lief eigentlich ganz gut“, sagt Raghad und lächelt. Das Ergebnis wird sie erst später erfahren, wahrscheinlich um die Mittagszeit. Nach zwei sehr guten Prüfungen ist für die junge Frau, die Arabisch, Deutsch, Englisch und Spanisch spricht, klar: Sie konnte ihren Schnitt von 1,6 auf 1,4 verbessern.
Raghad ist eine von 55 Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs an der GSÜ – und eine von vier, die sich freiwillig zur Prüfung gemeldet haben. Vier Schüler sind von den mündlichen Prüfungen zurückgetreten, beispielsweise weil schon von vornherein klar war, dass es rechnerisch nicht mehr zu schaffen wäre. Denn darum geht es bei den mündlichen Nachprüfungen in den meisten Fällen: das Bestehen des Abiturs.
GSÜ-Schulleiter Achim Elvert erklärt dazu: „Es kann durchaus sein, dass einige Schüler nach der ersten Prüfung keine Chance mehr haben, genug Punkte mit den weiteren Prüfungen zu erreichen. Die meisten werden einige Punkte gewonnen haben und weitere in den anderen beiden Fächern sammeln müssen. Einzelne sind vielleicht auch nach der ersten Prüfung durch, weil ihnen nur wenige Punkte zum Bestehen fehlten.“
Oberstufenkoordinator Alexander Holtkamp kennt seine Abiturientia gut: „Wir haben ein sehr breites Leistungsspektrum und ein paar Schüler, die sich manchmal auch ein bisschen zu viel unter Druck setzen.“ Im Gespräch hebt der Mathematik-Lehrer das „relativ dichte Beratungsnetz“ für seine Oberstufe hervor. Bereits in der Einführungsphase, also in Klasse 11, würde das die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten gut unterstützen.
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Und wohin gehen die Schüler nach ihrer Zeit an der GSÜ? „Auch da haben wir ein ganz breites Spektrum, einige machen ein duales Studium, auch der Bereich Verwaltung ist sehr beliebt, viele streben auch ins Lehramt.“
Oder möchten eben Medizin studieren, so wie Raghad. Vorher legt sie noch ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, berichtet sie, höchstwahrscheinlich in einem Krankenhaus. Denn auch das wird auf ihre Note angerechnet. Ihr Plan B, wie sie sagt: „Ich könnte mir auch vorstellen, Pharmazie zu studieren.“ Da ist die Zulassung nicht ganz so streng beschränkt – je nach Studienort liegt der NC zwischen 1,2 und 2,4.
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